Brief an Marie

Liebste Schwester,

leider habe ich Dich nicht kennen lernen  können, Aber Du kennst mich bestimmt. Du schaust zu mir herunter. Unsere Eltern vermissen Dich ganz doll. Du warst ihr Wunschkind haben sie mir erzählt. Und dann haben sie Dich drei Wochen vor dem Geburtstermin hergeben müssen. Es war sehr schrecklich, Mama und Papa haben sehr viel geweint um Dich. Mama sagte doch immer, es sei alles OK mit Dir.... Sie hatte mit Dir im Bauch nie Probleme. Laut Mamas Arzt warst Du zwar nie ein großes Mädchen, aber die Doppleruntersuchungen waren alle in Ordnung. Doch plötzlich war der Blutdruck zu hoch, und Du bist heimlich gegangen. Du konntest Dich nicht mal verabschieden. Es war sicherlich der schlimmste Augenblick im Leben unserer Eltern, als der Arzt sagte, dass Dein Herz nicht mehr schlägt. Es muss alles sehr schnell gegangen sein, erzählt mir Mama. Du hast mir ähnlich gesehen, und mit 1860 gramm und 43 cm warst Du doch schon ein richtiges Baby. Unsere Eltern haben Fotos von Dir gemacht, sogar einen Fuß und einen Handabdruck haben wir von Dir. Hat Dich das auch so gekitzelt? 

Trotzdem wollten sie nicht aufgeben und haben weitergelebt. Selbst mit der größten Trauer und Zurückhaltung wärst Du nicht wiedergekommen. Sie mussten und haben Dein Fortgehen akzeptiert.

Dann war ich unterwegs.

Schon als kleines Pünktchen bin ich, eingehüllt in Mamas Bauch, oft zu Dir gekommen, auf den Friedhof. Dann hat sie Dir erzählt, dass Du ein Geschwisterchen bekommst, erinnerst Du Dich?

Und nun bin ich da. Und ich bin stolz auf unsere Eltern, dass sie sich nicht entmutigen ließen. Als ich unterwegs war, hatte Mama immer Angst, das habe ich gespürt. Ich habe Sie dann ganz kräftig getreten um ihr zu zeigen, dass mit mir alles in Ordnung ist.  Sie hat mir immer viel von Dir erzählt, und Papa hat dann seine Hand auf Mamas Bauch gelegt und mich gestreichelt. Er hat Dich auch gestreichelt, weißt Du noch? Ich hätte Dich so gerne kennen gelernt. Wie gern hätte ich mit Dir gespielt. Aber das geht leider nicht. Gott wollte Dich bei sich haben. Er hat Dir in Mamas Bauch viele schöne Wochen Leben geschenkt, und dann hat er Dich zu sich genommen. Mama und Papa durften Dich bei Urgroßmama beerdigen. Dort wirst Du von allen besucht. Es ist schön, zu wissen, dass Du da ein Plätzchen gefunden hast, wo wir mit Dir reden können. Freust Du Dich über die Blumen, die wir Dir manchmal mitbringen?

Du spielst sicher mit den anderen Engelskindern und schaust ab und zu auf mich herunter. Das merke ich. Immer wenn Mama und ich zu den Sternen schauen, dann suchen wir uns einen davon aus und denken, dass Du es bist. Du hast mich auch bestimmt während Mamas Schwangerschaft beschützt, damit Mama und Papa mich nicht auch hergeben müssen. 

Du bist mein Schutzengel.

 Ich bin stolz darauf, Deinen Namen zu tragen.

Wir vermissen Dich so. Manchmal weint Mama wenn sie mich stillt., sie weint um Dich, das merke ich genau. Ich versuche sie dann zu trösten und lache sie an, dann kullern noch mehr Tränen, aber sie lächelt zurück.. Ich glaube, dass zwischen den Trauertränen aber auch Freudentränen sind. Ich versuche so lieb zu unseren Eltern zu sein, wie es nur geht. Ich denke, sie haben es sich verdient. Du bist  sicherlich auch stolz auf mich.

Mama hat nach Deinem Fortgehen oft auch im Internet nach einer Antwort auf die Frage "Warum?"  gesucht. Natürlich hat sie keine Antwort gefunden, denn es gibt gar keine. Aber sie hat ein Lied von Walter Trout gefunden, Sweet Butterfly....

 

I can see you when you fly to me

I see you floating high an free

Just a butterfly with painted wings

Who never understood the joy she brings

 

And wehen you´ve flown away I can still see your face

Covered in beauty, full of grace

 

So fly, fly away, Sweet Butterfly

 

And I can see you floating in the light

I see your image every day and night

And I reach out for you but you´re not there

So I ask God to hear my prayer

 

And when you´ve flown away you remained inside of me

In a hidden place no one else can see

 

So fly, fly away, Sweet Butterfly

 

I can see you flying next to me

I watch you fly so high an free

In a frozen moment that knows no time

I stand and watch you leave me far behind

 

So use your painted wings an fly the way you do

and when my day is done I´ll be flying next to you

 

So fly, fly away, Sweet Butterfly

 

Du bist wie dieser Schmetterling einfach davon geflogen, ganz leise. Wir konnten Dich nicht aufhalten. 

Du hältst für uns da oben bestimmt schon die Plätze frei, und irgendwann sind wir dann alle bei Dir. Gott hat Dich viel zu früh geholt, aber er wird seinen Grund dafür gehabt haben. Unsere Eltern verstehen zwar nicht, warum ausgerechnet Du geholt wurdest, aber ich versuche ihnen zu helfen, damit klar zu kommen.

Wir vermissen Dich sehr.

Liebe Marie, Du hättest bestimmt nicht gewollt, dass wir uns in Traurigkeit vergraben. Wir versuchen glücklich zu sein. Du lebst ja in uns weiter, Du kannst nur nicht bei uns wohnen. Schade, ich hätte gerne  mit Dir das Zimmer geteilt. Und wenn Mama mal wieder schwanger wird, dann bist Du bestimmt da und passt auch auf das Geschwisterchen auf, so wie Du auf mich aufpasst.

Grüße alle Engelskinder von mir.

 

Deine kleine Schwester

Lisa Marie (* 20.06.2001)

vielleicht will jemand meiner Mama eine E-Mail schreiben:    kathosomma@gmx.de