Max

 

 

Max

 

Gestorben und Geboren am

15. Oktober 2004

 

„Wenn etwas von uns fortgenommen wird /

womit wir tief und wunderbar zusammenhängen /

so ist viel von uns selber auch mit fortgenommen /

Gott aber will /

Dass wir uns wieder finden /

Reicher um alles Verlorene /

Und vermehrt um jenen unendlichen Schmerz.“

 

Rainer Maria Rilke

 

 

 

Am 4. August 2004 machte ich einen Schwangerschaftstesst, und dieser war zu meiner Freude positiv. Zu diesem Zeitpunkt war ich bereits 44 Jahre alt. Am 15. September 2004 bekam ich plötzlich Schmierblutungen, und rief sofort in der Frauenklinik an. Ich konnte am 16. September zum 1. Ultraschall in die Klinik. Da sah ich zum ersten Mal mein Baby und ich war so glücklich, dass dieses sich so toll bewegte. Die Ärztin bestätigte mir, das alles in Ordnung sei, machte mich aber auf die Nackenfallte aufmerksam. Die ausgeprägte Nackenfallte ist verantwortlich für eine allfällige Trisomie. Es gibt drei verschiedene Trisomien. Trisomie 13, Trisomie 18 und die wohl häufigste Trisomie 21 das sogenannte Down-Syndrom. Aber die Ärztin wollte mich nicht beunruhigen, sie empfahl mir ein Medikament mit Eisen zu nehmen und meinte ich solle zu einem späteren Zeitpunkt zu einem 2. Ultraschall kommen. Am 16. September war es dann soweit. Ich war jetzt in der 12. SSW und mein Mann kam dieses Mal auch mit. Der Frauenarzt, bemerkte die Nackenfallte auch und hat sie ausgemessen. Er meinte, um ganz sicher zu gehen, wäre es gut, wenn man eine Gewebeprobe der Plazenta entnehmen könnte, da wäre man ganz sicher, ob eine Trisomie vorliegen würde. Die Gefahr, dass unser Kind behindert sei, läge bei 2%.

Da in Luzern diese Untersuchung erst in der 16 SSW gemacht wird, waren wir bereit, die Untersuchung in Basel vornehmen zu lassen. Mein Mann und ich waren uns einig, dass wir ein gesundes Kind wollten und darum waren wir bereit, all diese Untersuchungen zu machen. Am 30. September 2004 gingen wir nach Basel um diese Gewebeprobe zu entnehmen. Die Ärztin vergass in all dem Stress, der in diesem Spital herrschte, meinen Bauch unempfindlich zu machen, und stach mit der langen Nadel durch meinen Bauch in die Gebärmutter und holte anschliessend eine Gewebeprobe aus der Plazenta. Als Sie bemerkte, dass Sie vergass meinen Bauch unempfindlich zu machen, fragte Sie mich ob es sehr schmerzhaft war. Mir hat es fast die Luft genommen, aber unter Tränen meinte ich nein, den es sei ja für einen guten Zweck. Wir hofften beide intensiv , das sich der Verdacht auf eine Trisomie nicht bestätigte. Am 5. Oktober 2005 rief mich der Frauenarzt von Luzern an und meinte er hätte das Ergebnis, ob wir beide zu einem Termin vorbei kommen könnten. Ich wollte aber sofort wissen, wie das Ergebnis war, und da sagte er mir:

Ihr Kind ist schwerst behindert, es hat Trisomie 18, das heisst, es ist geistig und organisch nicht lebensfähig. Ich konnte dies fast nicht glauben, denn unser Baby war immer so lebendig und voller Elan. Als mein Mann abends nach Hause kam, konnte ich Ihn nur in die Arme schliessen und weinen. Auch er weinte, denn wir haben uns dieses Kind so sehr gewünscht. Am 7. Oktober 2004 gingen mein Mann und ich ins Spital in Luzern um mit dem Arzt über den Bericht zu sprechen. Als wir ankamen, fragte mich der Arzt, ob ich mein Baby nochmals sehen möchte. Ich verneinte, denn ich hatte mich bereits gestern von meinem Baby verabschiedet. Für meinen Mann war die Diagnose ein sehr grosser Schock, den der Spiess hatte sich plötzlich gedreht, und aus den 2 % Behinderung wurden plötzlich 98 %. Der Arzt teilte uns mit, das unser Baby ein Junge ist, und das er im Mutterleib sterben könne, oder bei der Geburt, oder er könnte vielleicht 2 Monate leben, aber er würde mit dieser Behinderung sowieso sterben. Mein Mann und ich schauten uns an und uns war klar, dass dies nicht einfach sein würde, aber wir entschieden uns, dass ich am 12 Oktober 2004 in die Frauenklinik eintreten werde, um unseren Max in der 16 SSW zu gebären. Die ersten beiden Tage wurde mir vaginal ein Wehenmittel eingeführt, aber es ging nichts. Das ist ja auch klar, den „Max“ so haben wir unseren Sohn genannt, weigerte sich auf die Welt zu kommen, den von der Natur her war es ja noch mindesten fünf Monate zu früh. In dieser Zeit hatte ich viel Gelegenheit mit Ärztinnen, Hebammen und natürlich Krankenschwestern über die bevorstehende Geburt zu reden. Ich muss eines dazu sagen, dass all diese Frauen so verständnisvoll und liebevoll zu mir waren. Sie haben einen grossen Teil zu der Verarbeitung beigetragen. Als am dritten Tag nichts ging, wurde mir venös ein Wehenmittel angeschlossen, was zur Folge hatte, das Max dies nicht überleben würde. Gegen Abend des dritten Tages wurden die Schmerzen und Wehen immer häufiger und ich wusste nicht wie ich liegen, stehen sitzen oder mich sonst aufhalten sollte. Mein Mann war in dieser Zeit immer bei mir, und hat mich wunderbar unterstützt. Durch die Nacht wurde mir das Wehenmittel abgenommen, und so konnte ich einigermassen schlafen. Aber schon am nächsten Morgen wurde mir das Wehenmittel wieder angeschlossen und gegen 8.30 Uhr meinte die Ärztin, ich solle meinen Mann informieren, es gehe bald los. Ich muss noch dazusagen, dass ich am ersten Tag mit der Narkoseärztin gesprochen habe wegen einer PDI das ist ein Schmerzmittel ins Rückenmark, um die Schmerzen zu lindern. Da meinte ich zur Ärztin, dass wenn mein Mann noch nicht da wäre, ich die Beine zusammenpressen würde, bis er da wäre. Darauf meinte die Ärztin, Max würde genau zum richtigen Zeitpunkt zur Welt kommen.

Also wurde ich am vierten Tag ca. um 9.00 Uhr in den Gebärsaal gebracht, und die Wehen wurden immer stärker und mein Mann war noch nicht da. Die Hebamme sagte, Sie wolle warten, mit dem öffnen der Fruchtblase. Ich war schon soweit, um mir ein PDI machen zu lassen, als endlich mein Mann eintraf. Kaum war er da, da platzte meine Fruchtblase und der Schmerz war weg. Die Hebamme sagte, dass Sie Max schon sehen konnte. Ich sagte meinem Mann, er solle doch auch schauen. Dann musste ich einmal richtig pressen, und Max war da. Mein Mann durfte die Nabelschnur durchtrennen. Max war geboren am Freitag den 15. Oktober 2004 um 9.59 Uhr. Er war 13,5 cm lang und 70 Gramm schwer. Die Hebamme nahm Ihn in die Hände mit solch einer Liebe und Hingabe, so als ob er leben würde. Es war wunderbar, wie diese Hebamme mit unserem Sohn Max umging. Vor der Geburt durfte ich ein „Noscheli“ auslesen, und ich habe mich für ein hellblaues entschieden. Die Hebamme sagte, dass viele Eltern nachher dieses Tüchlein nach Hause nehmen würden als Andenken. Dies wollte ich am Anfang auch, aber dann als Max so in diesem Tüchlein lag, sagte ich meinem Mann, dass ich Ihn in diesem Tüchlein lassen wolle, dass er nicht so nackt wäre. Es wurden auch noch Fotos gemacht von Max alleine und mit uns seinen Eltern. Heute bin ich sehr froh, dass es diese Fotos gibt, und ich sie wann immer ich will ansehen kann. Nach der Geburt wurde mir noch die Plazenta operativ entfernt. Die Hebamme sagte, dass wann immer wir wollten Sie uns Max aufs Zimmer bringen würde. Aber mein Mann und ich haben uns bei der Geburt von Ihm verabschiedet und wir wollten Ihn so in Erinnerung behalten wie er war. Am nächsten Morgen holte mein Mann mich aus der Klinik ab nach Hause.

 

 

Seit dem ist nichts mehr so wie es mal war.

Uns fehlt etwas ganz wichtiges.

 

Wir sind in einen Engelsladen gegangen und haben da einen schlafenden Engel gekauft. Dieser hat jetzt einen wichtigen Platz in unserem Schlafzimmer.

Dieser Engel ist Max..

Immer am 15. jeden Monats gehen wir zum Gemeinschaftsgrab und zünden da eine Kerze für unseren Max an. Mein Mann und ich stehen dann da und halten uns ganz fest und weinen. Am 15. Oktober 2005 werden wir für Max einen Ballon steigen lassen mit vielen lieben Worten.

Wir wissen, dass er im Himmel ist und auf uns hinunterschaut und uns beschützt.

Aber wie gerne hätte ich Ihn aufwachsen sehen.

Wir werden kein Kind mehr haben. Aber in unserem Herzen wird Max immer weiterleben.

 

Lieber Max wir werden dich nie vergessen und immer lieben.

 

Dein Mami und dein Dädi