Philipp

 

 

 

Philipp

Für Philipp:
Irgendwann der Sinn dieses Lebens
Du
Irgendwann das Ende des Lebens
Du
Die Freude
Du
Das Hoffen
Du
Das Ende
Du
und irgendwann, irgendwo,
wir wissen es nicht aber doch
Du
ohne Umwege. ohne Abstriche, ohne Vorbehalte,
ohne Verzögerung, ohne Grenzen
einfach nur Du
in Liebe, Deine Mama Judith

Botschaft an meinen Sohn Philipp

Lieber Philipp!
Dein Vater und ich haben Dich wirklich geplant, ich war unendlich
glücklich, als ich mit achtzehn Jahren schwanger wurde. Es war eine
völlig problemlose Schwangerschaft. Im siebenten Schwangerschaftsmonat
haben wir einen Kinderwagen und auch sonst alle Dinge, die Du gebraucht
hättest, gekauft. Ein paar Tage später bekam ich ziemliche Bauchkrämpfe,
eigentlich habe ich an eine Gastritis gedacht, und am nächsten Morgen
bin ich ins Krankenhaus gekommen. Die Ärztin dort hat mich ziemlich
lieblos untersucht und gemeint, dass Du jetzt zur Welt kommen wirst, und
dass Du wahrscheinlich nicht überleben wirst, weil Du noch so klein
bist. Eine Stunde später, am 15.02.1977 um 8.25 Uhr wurdest Du geboren,
man hat Dich sofort weggebracht, wenn ich mich heute daran erinnere, ich
habe gesehen, dass der Arzt irgendetwas gehalten hat, aber das war ganz
blau. Viele Jahre später ist mir bewusst geworden, dass Du das warst. Zu
Mittag habe ich gehört, wie ein Arzt über den Gang gerufen hat, dass das
Kind in der Kinderklinik Glanzing gestorben wäre, es wäre mir nicht im
Traum eingefallen, dass Du das gewesen sein könntest. Am Nachmittag
haben mich mein Mann und seine Mutter besucht, in der Gynäkologie war
kein Platz, und so bin ich am Flur gestanden, da ist ein Arzt zu mir
gekommen und hat mir mitgeteilt, dass mein Sohn um 12.05 Uhr erstorben
wäre. Es hat mich nicht berührt, es ist mich gar nichts angegangen.
Anschließend wurde ich in ein Zimmer gebracht, wo man anderen Müttern
alle vier Stunden ihre Kinder gebracht hat, ich weiß nicht, was in mir
vorgegangen ist. Nach vier Tagen hat man mich nach Hause geschickt,
einfach so. Ich habe nicht begriffen, wie die Welt einfach weitergehen
konnte, ich wollte schreien, aber das Leben ist einfach weitergegangen,
einfach so. Kein Mensch hat mir gesagt, warum Du zu früh auf die Welt
gekommen bist, woran Du eigentlich gestorben bist, oder was mit Dir
passiert ist. Kein Mensch hat überhaupt irgendetwas gesagt, und wenn,
dann kamen nur blöde Meldungen, wie froh ich doch sein soll, schließlich
könntest Du behindert sein. Ich habe vier Stunden lang um Dein Leben
gebangt, und ich habe mir sehr viel überlegt, und eines wußte ich von
Anfang an, egal wie es gewesen wäre, ob Du behindert gewesen wärst oder
nicht, egal ob Du drei Beine oder fünf Köpfe gehabt hättest, Du bist
mein Sohn, ich hätte alles darum gegeben, wenn ich das Glück gehabt
hätte, Deine Mutter sein zu dürfen, aber es sollte nicht sein. Dein
Vater hatte es wohl auch nicht leicht, er wurde gefragt, was denn mit
Dir geschehen soll, er hat dann allein entschieden, ohne mich zu fragen.
Du wurdest der städtischen Bestattung übergeben, und irgendwann hat man
Dich, gemeinsam mit anderen Kindern irgendwo am Zentralfriedhof in Wien
begraben. Ich habe oft darüber nachgedacht, dass ich doch den Versuch
machen könnte, ob man dieses Grab nicht ausfindig machen kann, aber ich
habe es nie gewagt. Einerseits könnte es sein, dass dieses Grab gar
nicht besteht, andererseits habe ich Dich nie gesehen, ich denke, ich
müsste Dich ausgraben, und das geht nicht. Ich hätte mir so gewünscht,
dass man Dir irgendetwas angezogen hat, aber das war wohl nicht so,
komisch, dass man solche Gedanken mit so einer Tragödie verbindet. Du
hast später noch zwei Geschwister bekommen, einen Bruder und eine
Schwester, und sie fragen manchmal nach Dir, sie sind sehr interessiert,
und eigentlich meinen beide, dass es sehr schön wäre, wenn Du noch da
wärst. Es ist mir in den letzten vierundzwanzig Jahren nicht sehr gut
gegangen, , ich habe das alles nicht verkraftet, aber zumindest habe ich
jetzt einen Weg, mit dem ich selber leben kann. Dein Vater und ich haben
uns getrennt, wahrscheinlich hätte ich das sofort nach Deinem Tod
durchziehen sollen, aber ich konnte nicht, die Ehe wurde für mich zum
Martyrium, Deine Schwester wurde mit sechzehn Jahren schwer krank, und
eine Zeit war es so, als ob sie nicht überleben würde. Heute versuche
ich mein Leben in den Griff zu bekommen, beruflich habe ich mehr
erreicht, als ich mir selber je erträumt habe, aber manchmal würde ich
so gerne mit Dir reden. Dein Bruder und seine Frau sind eine große Hilfe
für mich, besonders wenn Sie mich nach Dir fragen, weil kein Mensch
sonst das tut, kein Mensch will darüber reden, außer Deinen
Geschwistern. Dein Bruder heißt Markus, und sein Zweitname ist Philipp,
so wie Du, nicht weil er Dich ersetzen soll, einfach weil wir Dich nie
vergessen haben und vergessen werden, und er ist so schrecklich stolz
auf diesen Namen, und er erzählt allen Menschen, warum er so heißt. Ich
denke, Du hättest Dich mit ihm und auch mit Deiner Schwester,
Marie-Therese, sehr gut verstanden. Ich habe tolle Kinder, sie nennen
mich gar nicht Mama, sie nennen mich beim Vornamen, aber weißt Du, nach
Deinem Tod hätte ich "Mama" nicht mehr ertragen können, ich habe mich so
schuldig gefühlt, obwohl ich gar nichts angestellt habe, aber einer
musste schuld sein, und letztlich bin nur ich übriggeblieben. Ich bin
kein sehr gläubiger Mensch, die Religion konnte mir keine Antwort auf
meine Fragen geben, und lange Zeit habe ich alles abgelehnt, was mit
Gott nur zu tun hatte. "Bis in den Tod hinein weigere ich mich einen
Gott anzukennen, der Kinder auf diese Welt kommen läßt, um sie sterben
zu lassen", so habe ich lange Zeit gedacht. Heute kann ich relativieren,
ich verstehe den Sinn nicht, ich verstehe nicht, warum Kinder auf die
Welt kommen nur um zu sterben, aber ich erkenne an, dass es vielleicht
einen Sinn macht, den ich jetzt nicht sehen und begreifen kann, auch
wenn das nur eine "Ausrede" oder eine "Erklärung", vielleicht auch nur
eine "Beruhigung" ist. Heute meine ich, dass unser Leben vorbestimmt
ist, und dass es unsere Aufgabe ist, dass wir dieses Leben bewältigen,
egal wie hart und schrecklich es ist. Vielleicht müssen wir sonst
wirklich so oft in diese Welt zurück, bis wir das geschafft haben, heute
nehme ich diese Herausforderung an, ich gehe durch alle Katastrophen,
und ich habe einige erlebt, wenn ich es in der Hand habe, dann wird
dieses Leben mein letztes sein, weil ich bewusst lebe, ich gehe wirklich
durch jede Tragödie.
Lieber Philipp, wann immer ein Mensch aus meinem Bekanntenkreis stirbt,
zu dem ich gutes Verhältnis habe, dann denke ich, dass er Dir vielleicht
begegnen könnte, und ich wünsche mir dann, dass er Dir von mir erzählt.
Und wenn ich eines Tages diese Welt verlasse, dann weiß ich, dass ich
Dir begegnen werde, dass dann mein größter Herzenswunsch in Erfüllung
geht, und dass ich Dich spüren lasse, wie sehr und wie tief ich Dich
liebe. Manchmal frage ich mich, wie wir uns dann wohl erkennen, aber wir
werden uns erkennen. Was ich bis dahin erlebe, das erlebe ich oft für
Dich, irgendwie bist Du mit mir eins geblieben, und wenn es mir ganz
besonders schlecht geht, wenn niemand da ist, dann bist Du es, mein
Leben lang wirst Du für mich da sein, in jeder Situation, egal ob es
schlecklich oder schön ist, aber eben auf eine ganz besondere Weise, und
niemand, kein Mensch kann irgendetwas zwischen uns stellen, ich werde
Dich lieben solange ich lebe,
Deine Mama