Anderson

 

Hallo liebe Engelskinderseite,
Ich schreibe euch kurz meine Geschichte auf, weil ich finde, daß ihr eine so schön aufgebaute Seite habt.
Ich habe mir schon lange gewüscht, ein Kind zu haben. Ich habe diesen Wunsch dann lange für mich allein herumgetragen und mich nicht getraut, darüber mit meinem Freund zu sprechen. Wir sind nicht verheiratet und hatten auch noch keine so festen Zukunftspläne geschmiedet. Aber ich konnte es irgendwann nicht mehr für mich behalten und als wir uns nach einem Streit gerade wieder am Versöhnen waren, erzählte ich ihm von meinem Wunsch. Er war sehr überrascht und war richtig platt. Ich habe ihn dann eine zeitlang damit in Ruhe gelassen, damit das ersteinmal sacken kann. Erfreulicherweise kam er dann bald auf mich zu und meinte, er könne sich vorstellen, ab nächstes Jahr, eine Familie mit mir zu gründen. Ich war glücklich wie eine Schneekönigin. Ich finde, es ist ein fantastisches Kompliment an eine Beziehung, wenn man sich traut, zusammen ein Kind zu haben. Wir tauschten uns dann lange gemeinsam über unsere Vorstellungen bezüglich eines Lebens mit Kindern aus. Wir sprachen über Erziehung, Arbeitstelle, Finanzen und über das Leben als Paar in einer Familie. Wie fuhren nocheinmal in den Urlaub und zum Festival. Wir sparten auch etwas Geld für einen Umbau.
Ende September 2004 setzte ich dann meine Pille ab. Ich wurde dann auch sehr bald schwanger. Bereits ein Tag nachdem meine Regel ausgesetzt hatte, kaufte ich mir einen Schwangerschaftstest. Ich war so aufgeregt, als ich ihn machte. Als ich dann einen kleinen rosanen Strich sah, war ich so aufgewühlt, ich kann es kaum beschreiben. Weil ich mein Glück kaum fassen konnte, kaufte ichmir drei Tage später noch einen Schwangerschaftstest. Bei diesem Test war der rosa Strich so deutlich zu sehen, daß das Ergebnis sehr eindeutig war. Abends erzählte ich meinem Freund davon. Seine Reaktion war sehr verhalten und ich wußte gar nicht recht, was ich davon halten sollte. Ich dachte mir, ich warte ersteinmal ab, bis er Gelegenheit hatte, die Nachricht zu verdauen. Das war auch gut so. Auch Männer brauchen etwas Zeit, um so einen großen Schritt zu verarbeiten. Er dachte auch nicht, daß es so schnell gehen würde.
Kurz danach flogen wir nach Lanzarote, weil wir diesen Urlaub schon zuvor gebucht hatten. Diesen Urlaub habe ich in sehr guter Erinnerung. Mir wird ganz warm ums Herz, wenn ich daran denke, daß sein Herz gewachsen ist, als wir nachts am Strand spazieren gegangen sind. Jetzt muß ich weinen.
Als wir wieder zu Hause waren, ging ich zu meiner Frauenärztin. Als ich auf dem Sonoschirm mein kleines Kind sah und sehen und hören konnte, wie sein Herz schlug, war ich zutiefst berührt. Es war wunderschön. Ich fuhr gleich danach zu der Arbeitsstelle von meinem Freund, um ihm davon zu erzählen. 4,9 mm war unser Kind groß und wir sahen uns auf dem Zollstock an, wieviel das ist. Wir waren sehr stolz.
Ich versucht in dieser Zeit, mich immer ein bischen zurück zu halten. Ich wußte, daß in dieser Zeit Kinder auch sterben können. Im Nachhinein muß ich aber feststellen, daß wir uns doch schon sehr intensiv mit unsem Kind beschäfftigt haben. Als erstes achtete ich sehr genau auf meine Gesundheit. Ich trank keinen Alkohol mehr, aß jeden Tag Obst und Gemüse, keinen Kaffee mehr, dafür viel Wassser und Saft. Ich machte leichte Sportarten und ging an die frische Luft. Mein Freund startete einen groß angelegten Umbau, damit wir ein Kinderzimmer und ein größeres Badezimmer bekommen. Er setzte sehr viel Mühe und Sorgfalt in dem Ausbau, denn es sollte der schönste und beste werden. Meiner Arbeit gab ich sehr rechtzeitig Bescheid, damit ich keinen Nachtdienst und keine Tätigkeiten an Infektionspatienten mehr zu machen brauchte.
Ich nahm dann meinen Freund zu den Vorsorgeuntersuchungen mit. Er war sehr fasziniert von den Bildern unseres kleinen Mannes. Ich denke für Männer sind diese Bilder von großer Bedeutung.
Zu Weihnachten fingen wir an, unseren Verwndten und Freunden davon zu erzählen. Das war auch eine schöne Zeit, so voller Freude und Erwartung. Besonders meine Mutter war sehr gerührt. Es war ihr erstes Enkelkind.
Mir ging es auch körperlich in der Schwangerschaft sehr gut. Mein Magen war etwas empfindlich und ich hatte ein großes Schlafbedürfnis, aber im Großen und Ganzen war es gut. Einmal hatte ich sehr große Angst, als ich eine leichte Blutung feststellte, aber die stellte sich als ungefährlich heraus.
Mit der Zeit wurde ich immer dicker und ich liebte meinen Bauch. Wir waren so stolz. Oft lagen wir zusammen und lauschten auf das Klopfen in meinem Bauch. Wir wußten, das es ein Junge wird und wir hatten uns für den Namen Nis Momme entschieden nach unseren Großeltern. Wir bereiteten uns immer auf unser Leben mit unsem Kind vor, besuchten auch zusammen den Geburtsvorbereitungskurs.
Ich hatte ein sehr gutes Gefühl zu dem Kind in meinem Bauch.Ich wußte, daß er stark ist. Ich wußte auch von Anfang an, daß er ein Junge ist. Wir hatten eine wunderschöne Zeit, abgesehen von kleinen Phasen der Sorge, ob "auch alles gut geht". Ich denke, solche Phasen haben alle Eltern. Von den typischen Schwangerschaftsbeschwerden blieb ich verschont. Ich freute mich schon auf die Geburt, wennn wir unser Kind endlich in den Armen halten konnten.
Als ich in der 38. Woche schwanger war, kam der schreckliche Sonntag.
Mein Freund war am Abend zuvor zu einer Feier gegangen und hat dann bei einem Bekannten übernachtet. Ich fand das ok, denn bald würden wir dafür keine Zeit mehr haben. Ich war um 22 Uhr schon wieder zu Hause, weil ich solche Feste meinem Bauch nicht mehr antun wollte. Am Sonntagmorgen stand ich dann also alleine auf und hatte schlechte Laune, was ich darauf schob, daß ich nachts nicht gern alleine schlafe. Ich habe an diesem Sonntag nur wenige Erinnerungen. Ich weiß noch, daß ich Wäsche aufhängte. Mein Freund rief mich dann an und fragte, ob ich ihn abholen könnte. Als fuhr ich mit dem Auto los. Von der Fahrt weiß ich nur noch, daß ich an einem Erdbeerfeld vorbeikam. Auf dem Rückweg wollte ich dort nämlich Erdbeeren kaufen. An den restlichen Tag kann ich mich nicht erinnern.
 
Am nächsten Tag wachte ich auf und mein Freund, seine Mutter und meine Mutter standen vor meinem Bett. Das kam mir schon ein bischen komisch vor. Ich sagte, daß ich großen Durst hätte und ich nun in die Küche gehen wollte, um mir etwas zu trinken zu holen. Mein Freund sagte zu mir:"Du kannst nicht aufstehen". Ich dachte mir, was redet der denn für ein Blödsinn. Ich dachte, ich sei zu Hause im meinem Bett. Warum sollte ich mir denn nicht etwas zu trinken holen können. Außerdem wollte ich wissen, wie spät es ist, aber ich konnte, meinen Wecker nicht finden.
Also versuchte ich immer wieder aufzustehen, aber mein Freund hielt mich immer wieder fest. Er sagte:"Diana, du hattest einen Unfall." Ich konnte das nicht glauben. Wenn ich einen Unfall gehabt hätte, dann wüßte ich das doch. Ich wurde böse und fing an, mit ihm zu schimpfen. Er solle mich endlich aufstehen lassen.Ich fing an, an den Schläuchen und Verbänden an meinem Körper zu ziehen, aber sie hielten meine Hände fest. Er sagte zu mir:"Diana, du hattest einen Unfall und unser Kind ist tot". Ich war der festen Überzeugung, daß das ein böser Traum war. Ich konnte das nicht glauben. Aber sie hörten nicht auf. Immer wieder, du hattest einen Unfall, dein Kind ist tot. Ich kann vor Tränen die Tastatur nicht mehr sehen.
Ich hörte dann langsam in meinen Bauch. Ich konnte nichts mehr hören. Es war ganz leise. Mein Bauch fühlte sich leer an. Ich fühlte mit meiner Hand auf meinen Bauch und er war viel kleiner. Ich sagte zu meinem Freund:"Mein Bauch ist ganz leise". Er sagte zu mir:"Ich weiß".
Die Tage auf der Intensiv waren wie in Watte. Sie waren nicht wirklich. Immer wieder bin ich eingeschlafen. Ich konnte gar nichts fühlen, nur mein Freund tat mir leid, weil er an meinem Bett so geweint hat. Man hat mir meinen Jungen gezeigt, aber ich kann mich nur schwer daran erinnern. Ich weiß, daß ich etwas schweres auf meinem Brustkorb hatte und das er sich kalt anfühlte. Viele Dinge, die ich auf der Intensiv gesagt oder getan haben soll, weiß ich nicht mehr.
Die Realität erreichte mich nur langsam. Als ich auf die Unfallchirugie verlegt wurde, war ich mir meiner Situation etwas bewußter. Ich konnte nur meinen Kopf und meinen rechten Arm bewegen. Ich konnte mich im Bett nicht umdrehen und nicht aufsetzen. Ich konnte auch meine Beine nicht bewegen. Ich hatte keine Schmerzen (außer wenn ich verbunden oder gewaschen wurde), aber ich hatte ein Gefühl in meinem Körper. Ich sah meinen Freund und meine Eltern neben meinem Bett und wußte, daß sie mich lieben. Dann beschloß ich, wieder gesund zu werden. Ich nahm mir vor, erst zu trauern, wenn ich wieder zu Hause bin. Ich dachte mir, ich könne nicht gleichzeitig trauern und gesund werden. Außerdem dachte ich mir, wenn ich hier bewegungslos im Bett liege und an die Decke starre und dann auch noch an meinen Sohn denke, werde ich verrückt. Also verdrängte ich meine Trauer, so gut wie ich konnte. Das hat auch recht gut geklappt. Ich habe zwar oft geweint und gedacht, das kann doch alles nicht war sein, aber es hielt sich in Grenzen. Ich kämpfte um meinen Körper und baute mich auf mit jedem Stück, was ich zurück bekam. Ich zog mich hoch, an jedem noch so kleinen Fortschritt. Und ich habe gewonnen.
Mein Körper heilte und ich bin ihm dafür sehr dankbar. Die Wunden und Risse in meinem Bauch heilten und ich kann sogar noch Kinder bekommen, wenn auch mit einem größeren Risiko. Als ich so weit war, das ich im Schneckentempo vom Bett zur Toilette laufen konnte, habe ich mich entlassen lassen. Ich wollte so gern nach Hause, denn ich wollte in Ruhe mich meiner Trauer um mein Kind widmen. Das tat ich dann auch und tue es auch heute noch. Als unser kleiner Nis Momme beerdigt wurde, war ich im Rollstuhl dabei, aber ich war da. Nächste Woche gehe ich wieder arbeiten.
Jeden Tag denke ich an mein Kind. Ich liebe ihn wirklich sehr. Ich habe ihn auf Bildern gesehen, er ist wunderschön.
An den Unfall habe ich weiterhin keine Erinnerungen. Ich kenne ihn aus Erzählungen:
Ich fuhr auf einer großen Straße. Ich bin dann nach links in eine kleinere Straße eingebogen. Ich hatte schon eine längere Kolonne von Autos hinter mir aufgestaut, die darauf warteten, daß ich abbog, damit sie weiterfahren konnten. Von hinten überholten 3 Motorradfahrer die gesammte Kolonne. Als ich schon quer auf der Straße stand und mit Abbiegen fast fertig war, traf  einer der Motorrradfahrer mir hoher Geschwindigkeit genau meine Fahrertür. Das Motorrad bohrte sich tief in mein Auto und wir wurden dann beide in den Graben geschleudert. Der Motorradfahrer war sofort tot. Er war 44 Jahre alt und hat eine Familie mit 2 Kindern. Die Fahrerseite meines Wagens ist bis auf wenige Zentimeter zusammengedrückt worden mitsammt Fahrersitz, Bodenplatte, Amaturenbrett und Lenkrad. Der Fußraum ist nicht mehr vorhanden. Ich wurde von meinem Ersthelfer auf dem Beifahrersitz gefunden. Er half mir aus dem Auto. Zu dem Zeitpunkt soll ich noch wach gewesen sein und immer "auha" gesagt haben. Als der Notarzt da war, verschlechterte sich mein Zustand und ich fiel in ein Koma. Ich wurde beatmet und in ein Krankenhaus geflogen. Dort hat man mich stundenlang operiert. Mein kleines Kind isr dabei in meinem Bauch gestorben. Er war nicht verletzt, aber durch meinen tiefen Schock wurde mein Bauch nicht mehr durchblutet. Das hat er nicht überlebt.
Am nächsten Tag erwachte ich aus meinem Koma und dachte, alles sei in Ordnung.
Wenn man mir gesagt hätte, einer von uns beiden muß sterben, dann hätte ich gesagt: Ich und nicht er. Eine Mutter macht das für ihr Kind. Sein Leben für sein Kind zu geben ist für mich ok. Aber leider ist es dafür zu spät.
Ich liebe ihn sehr und bin sehr stolz auf ihn. Es gibt noch so viel zu erzählen, aber ich höre jetzt mal auf.