Andra Wagner

Zur Erinnerung an CLEMENS

Ich heiße Andrea Wagner, bin 1963 geboren und wohne in Nordbayern.

Eigentlich wollte ich nie unbedingt Kinder, war ich doch ganztägig berufstätig und hatte auch ganz gute Aufstiegschancen.

Als meine Schwester im Alter von 38 Jahren nach 16 Ehejahren an Ostern 1997 mit Ihrem 1. Kind eine Fehlgeburt hatte, meinte sie: "Warte mit dem Kinderkriegen nicht so lange wie ich, denn wenn eine Schwangerschaft dann vorzeitig endet, kann es schon zu spät sein".

Mein Mann Dietmar und ich beratschlagten einen Abend um das Thema "Kind" und mit der nächsten Menstruation habe ich dann die Pille abgesetzt. Doch eine Schwangerschaft wollte und wollte sich nicht einstellen. Anfang des Jahres 2000 haben wir unseren Kinderwunsch dann auch "abgeschrieben" und große Urlaube geplant.

Und dann blieben Ende August 2000 plötzlich meine Tage aus! Fünf Tage danach kaufte ich mir einen Schwangerschaftstest in der Apotheke und der war positiv! Ich nahm's mit einem lachenden und einem weinenden Auge. Mein Mann konnte mit dem Baby und seiner baldigen Vaterrolle noch überhaupt nichts anfangen (auch nicht nach dem ersten Ultraschall mit Herzbewegungen). Nachdem ich aufgrund meines Alters (damals 37) als Risikoschwangere eingestuft war und eine Fruchtwasseruntersuchung ablehnte, ging ich schön brav zu allen Vorsorgen. In der ersten Zeit bezahlte ich auch einige zusätzliche Ultraschalls selbst, um öfter sehen zu können, daß es meinem Baby gut geht. Mit wachsendem Bauch habe ich mich dann auch tierisch auf unseren Nachwuchs gefreut. Mir ging es ja auch prächtig! Ich hatte keinerlei Beschwerden wie Übelkeit, Sodbrennen o.ä.

Ich war im 6. Monat, da hat uns der Arzt gesagt, daß unser Baby ein Junge ist. Von diesem Zeitpunkt an änderte sich die Beziehung meines Mannes Dietmar zu unserem Bub schlagartig. Wir mußten eben nicht mehr nur von "ES" oder "unserem Baby" sprechen, es war schon unser Sohn! Dietmar verliebte sich regelrecht in den Gedanken, in einigen Jahren mit seinem Sohn Dämme bauen zu können, Schlitten oder Ski zu fahren o.ä. Recht schnell haben wir auch einen Namen gefunden: Clemens sollte unser Sohn heißen.

Die Wochen zogen sich so dahin (es dauerte ewig, bis der Entbindungstermin 08.05. näherrückte), aber alles war ja problemlos. Ich redete in Gedanken viel mit Clemens, streichelte oft meinen Bauch, schonte mich wo es ging. Ich erlebte wohl eine Bilderbuchschwangerschaft.

Am Abend des 08.05. (Termin) setzten gegen 24.00 Uhr erste Wehen ein. Oh je, dachte ich, mitten in der Nacht geht es los. Ich war aber sehr froh noch einmal bis 2.15 h (09.05.) schlafen zu können und weckte meinen Mann dann um 4.15 h, kochte ihm Kaffee, ging kurz duschen. Um 5.00 h kamen die Wehen schon alle 3 Minuten und wir fuhren ins Krankenhaus. Die Hebamme war beunruhigt, weil das CTG keine Herztöne finden konnte! Dietmar war schon ganz ungehalten, weil sie sich mit dem CTG so "anstellte". Ich wußte aber schon instinktiv, daß unser Baby nicht mehr lebt! Auch eine Ärztin hat mit Ultraschall keine Herzbewegung mehr feststellen können. In den Wehen dachte ich immer nur: "Hoffentlich geht die Geburt ganz ganz schnell, damit Clemens vielleicht doch noch geholfen werden kann". Die Geburt war kurz und heftig (wie ich es mir immer gewünscht hatte), um 6.22 h habe ich entbunden, doch Clemens konnte man nicht mehr helfen. Wahrscheinlich ist er zum Termin einen Tag vorher gestorben (ich hab’s nicht bemerkt).

Clemens Wagner, geb. 09.05.2001, 6.22 h, 51 cm, 2955 g, 34,5 cm Kopfumfang, ganz viele dunkle Haare.

Wir hatten Clemens dann noch ein paar Minuten auf dem Arm (zuerst wollte ich ihn gar nicht nehmen!?) und haben ihn nach der Obduktion und vor der Beerdigung noch gesehen. Aber das war alles viel zu kurz! Hätte ich damals gewußt, was ich mittlerweile weiß, hätte ich mir mehr Zeit gelassen, mich von meinem Kind zu verabschieden. Mit Sicherheit hätten wir jetzt auch mehr Fotos von ihm (mein Mann wollte unseren toten Clemens nicht fotografieren – heute bereuen wir, daß wir nichts getan haben!).

Die Untersuchungen des Mutterkuchens und der Nabelschnur sowie die Obduktion von Clemens und alle nachfolgenden an mir durchgeführten Untersuchungen gaben keinen Aufschluß über einen Auslöser für Clemens' Tod. Einerseits bin ich froh darüber (für den Fall einer Folgeschwangerschaft), andererseits meine ich, das Wissen um eine Ursache könnte bei der Trauerarbeit helfen.

Mir ging es also wie meiner Schwester, mit 38 das 1. Kind zu verlieren (sie ist heute 42 und hat keine Kinder mehr bekommen).

Bei dem Gedanken, keine Kinder mehr zu kriegen, drehe ich fast durch. Ich kann mir überhaupt nicht vorstellen, irgendwann alt zu sein und nach mir ist nichts mehr ...

So ist der Wunsch, wieder schwanger zu werden, ständig in meinem Kopf. Dabei bin ich mir aber bewußt, daß diese Schwangerschaft bzw. dieses Folgekind kein Ersatz für Clemens sein kann! Lieber heute als morgen wäre ich wieder schwanger (wohlwissend, daß diese Zeit auch nicht leichter wird), und warte deshalb schon sehnsüchtig darauf, meine Tage wieder zu kriegen.

Wenigstens ist unser Clemens nicht allein, denn er hat mittlerweile einen Freund neben sich: Tobias, gest./geb. 06.06.2001 in der 36 SSW, 50 cm, 2000 gr, 31 cm Kopfumfang

Mein Mutterschutz ist inzwischen abgelaufen und ich muß wieder arbeiten. Das Schlimmste daran ist der Umgang mit meinem Kunden. Keiner hat ihnen gesagt, daß unser Clemens nicht mehr lebt und jeder fragt jetzt, wie es ist zu Dritt oder wie ich mich in meiner Mutterrolle fühle, wann ich meinen Erziehungsurlaub beginne usw. Dazu kommt noch, daß es in meinem Bekanntenkreis und auch in der Verwandtschaft in diesem Jahr schon ganz viele Babys gegeben hat und zwei Entbindungen stehen für August noch aus.

Helfen kann niemand, nur die Zeit wird diese tiefe Wunde schließen können; eine dicke Narbe wird aber für immer bleiben.

So warte ich eigentlich nur darauf, daß die Zeit recht schnell vergeht.

Trotz allem bin ich froh, überhaupt schwanger gewesen zu sein und mich in den letzten SS-Wochen viel mit Clemens beschäftigt zu haben. Auf jeden Fall hat Clemens meine Einstellung zu eigenen Kindern grundlegend geändert!

Liebe Grüße

Andrea