Angelika

 

 

 

 

Hallo!

Ich hab heute angefangen, die Berichte von euch zu lesen. Irgendwie haben sie mich sehr berührt, auch wenn sie anders sind als meine Geschichte. Die meisten Geschichten, die ich bis jetzt gelesen habe sind - finde ich - schlimmer als die von mir. Vor allem, weil ich selbst an meinem "Zustand" schuld bin.

Zu meiner Person:
Ich heiße Angelika, komme aus Österreich (Steiermark), bin 23 Jahre alt und lebe in einer glücklichen Partnerschaft.

Meine Geschichte:
Im Februar 1999 wurde mein "Verdacht" vom FA bestätigt, dass ich schwanger war. Da das Kind nicht geplant war, ich mitten in der Matura steckte und die Beziehung zu meinem damaligen Freund auch nicht gerade die Beste war, wusste ich anfangs nicht, ob ich mich freuen soll, oder nicht.
Jedenfalls hab ich mich dann entschieden, dass es eigentlich ein freudiges Ereignis ist und hab angefangen, das Kind zu lieben. Ich traute es mich erst gar niemanden sagen, was mit mir los war. Jedenfalls kam ich nicht darum herum es meinem Freund zu sagen. Sein erster Kommentar war: "Du lässt es ja hoffentlich abtreiben, weil Geld habe ich keins für einen Hosenscheißer und auf mein Auto verzichte ich deswegen nicht." So, das war schon einmal der erste Schock! Sein Auto, das Tunen,... war im also wichtiger als das Kind und ich. Dann kam gleich der 2. Schock auf mich zu. In meiner Verzweiflung erzählte ich es meiner Familie. Meine Mutter bestand auch darauf, das Kind abtreiben zu lassen. Ihr Kommentar: "Du bist doch zu blöd um ein Kind aufzuziehen." Den Rest der Familie konnte ich ebenfalls "vergessen". Meine einzige Grossmutter stand hinter mir und sagte: "Irgendwie werden wir es schon schaffen." Nach diesen niederschmetternden Reaktionen begann ich wirklich zu überlegen, ob ich nicht wirklich abtreiben sollte. Jedenfalls entschied ich mich im ersten Moment dagegen. Dann bekam ich im 2. Monat Bauchschmerzen. Der Arzt meinte, dass ich Wehen hätte und mein Kind verlieren würde. Als ich ihm erzählte, dass ich kurz zuvor mit Tabletten aufgehört habe, meinte er, dass das Kind wahrscheinlich behindert sein wird. Auf dem Ultraschall, welches wir gleich darauf machten, sah ich sein Herz schlagen und wie es sich bewegt hat. Dieses Bild werde ich nie vergessen. Jedenfalls stellte sich heraus, dass das Kind körperlich gesund war. Trotzdem packte mich die Angst. Ich ging zu meiner Mutter und sagte ihr, dass ich mich über eine Abtreibung informieren möchte. Sie ging dann mit mir ins Krankenhaus. Dort ging alles so schnell. Sie fing an für mich zu reden und ich stand irgendwie neben mir. Wenn mir damals jemand gesagt hätte, dass ich aus dem Fenster springen soll, hätte ich es getan. Mir kam alles so unwirklich vor. Jedenfalls war ich 2 Tage später im Krankenhaus und unterschrieb das "Todesurteil". Ja, ich habe mein Kind abtreiben lassen. Ich bin Schuld an seinem Tod.
Erst ein paar Wochen nach dem Eingriff wurde mir klar, was ich getan hatte. Ich nahm anschließend in 3 Wochen 14 Kilo ab. Ich konnte einfach nicht mehr. Außer weinen und lernen (für die Matura) gab es für mich einfach nichts mehr. Kurz nach dem Eingriff beendete ich meine Beziehung mit meinem Freund. Jedesmal wenn ich darüber reden wollte (egal bei wem ich es versuchte) hieß es immer nur: "Es war deine Entscheidung, du musst damit leben". Aber keiner hat jemals versucht, mich zu verstehen.
Inzwischen sind viele Jahre vergangen. Ich habe meinen Partner für´s Leben gefunden. Ihm alles erzählt. Nächstes Jahr im Herbst wollen wir heiraten. Wir wünschen uns nichts mehr, als ein Kind. Das Problem dabei ist nur, dass ich nicht schwanger werde. Wir versuchen es schon seit über 2 Jahren. Ich glaube, dass ein Grund dafür ist, dass es nicht klappt, dass ich mir selber noch Vorwürfe mache, dass ich denke, es nicht mehr Wert zu sein, nocheinmal schwanger zu werden. Dadurch, dass auch von meiner Umwelt "verurteilt" wurde ein Mörder zu sein, hab ich angefangen, es selber zu glauben. Wenn über meine Schwangerschaft geredet wurde, hab ich einfach gesagt, dass ich das Kind verloren habe. Dadurch war es für mich leichter, damit zu leben. Aber ich merke, dass es jetzt endlich an der Zeit ist, die Wahrheit zu akzeptieren, endlich dazu zu stehen und mich nicht mehr für meine Entscheidung zu schämen.
Ich bin dankbar, dass ich meine Geschichte niederschreiben konnte. Der erste Schritt ist getan.
Solltet ihr mir schreiben wollen, meine Adresse lautet: Dudelflasche@sms.at

Danke fürs lesen.
Angelika