Beatrice

 

Liebe Käthy

Liebe Mamis und Papis 

Ich habe erst gestern diese Homepage für betroffene Eltern entdeckt durch einen Zufall oder vielleicht auch Schicksal? Dieses geht ja bekanntlich seltsame und auch verschlungene Wege im Leben.

 Nachdem ich alle Schicksale gelesen habe, hat mich dies sehr berührt und auch aufgewühlt. Sofort wurde ich auch an meine Geschichte erinnert, die ich – wenn ich ehrlich bin – eher verdränge als verarbeitet habe. Somit habe ich mich heute entschlossen und den Mut gefasst, meine Geschichte endlich „öffentlich“ zu machen. Ich hoffe, es wird mir bei der Verarbeitung helfen und auch andere vom Schicksal gezeichnete Eltern warnen. Weshalb? Dies werdet Ihr gleich lesen können. Bitte entschuldigt noch, dass die Geschichte von längerer Natur ist, aber ich muss mir einfach alles im Detail von der Seele reden, da ich sonst noch durchdrehe, wenn ich an das Erlebte zurückdenke!

 Zu meiner Person noch kurz, damit Ihr wisst, wer hier „erzählt“ noch das Wichtigste:

Mein Name ist Beatrice und wohne im Kanton Baselland. Ich bin vergangenen Mai 31 Jahre alt geworden und seit 3 Jahren verheiratet mit Marcel, der 33 Jahre alt geworden ist vergangenen Monat.

 Meine Geschichte ist nunmehr schon 1 Jahr her. Es war eine Woche nach meinem 30sten Geburtstag, als ich eines Morgens – ich messe immer jeden Tag die Basaltemperatur – beim Eintragen in das Kurvenblatt bemerkte, dass ich ja schon 2 Wochen „"drüber“ war. Ich hatte es kaum bemerkt, da ich im Beruf voll engagiert war und auch sonst viel um die Ohren hatte. Ausserdem trug ich jeden Morgen die Temperatur so mechanisch ein, dass ich mich gar nicht mehr achtete, bei welchem Tag ich schon angelangt war.

Mein Herz klopfte und ich war ganz aufgeregt. Trotzdem beschloss ich, erst einmal ganz normal den Tag zu beginnen und vielleicht später einen Test zu machen. Ich hatte diesen bereits vorgängig gekauft, da sich mein Mann und ich schon lange ein kleines Baby wünschten.

Wir hatten uns deshalb auch schon bei meinem FA beraten lassen. Er hat uns auch alle Alternativen, wenn’s nicht natürlich klappen sollte, schon aufgezählt. Er meinte aber, dass er zu diesen Mitteln erst nach 2 Jahren erfolglosen Versuchens greifen wolle (wir versuchten es seit etwa 1 ½ Jahren).

So verliess ich also stillschweigend das Schlafzimmer und machte mich an meine morgendlichen kleinen „Jobs“. Als mein Mann dann endlich auch aufgestanden war und ich mir sicher war, dass ich ungestört einen Test im Bad machen konnte, verschwand ich rasch für ein paar lange Minuten. Zuerst musste ich mich mal durch die Anleitung lesen, da ich ja noch nie zuvor so etwas gemacht hatte. Na ja, dann kam die Wartezeit. Oh Gott, war ich aufgeregt und hatte zugleich Angst, dass ich mich täuschte. Und doch, ich starrte zuerst ungläubig auf das Ergebnis, mehrere Male, es hatte endlich funktioniert!!! Juhui, wir bekamen endlich nach langem Warten ein Baby!!! Mir wurde ganz schwindelig vor lauter Glück! Jetzt überlegte ich mir einen raffinierten Auftritt für meinen Mann um ihm die Neuigkeit zu verkünden. Schnell schoss ich in den Keller und holte eine Plastikherzbox herauf, die ich einmal für meine Freundinnen, die auch schon alle schwanger waren, als Geschenkbox für ihre Babys kaufte. Ich steckte ein paar Babyschühchen hinein samt dem Schwangerschaftstest. Schnell wickelte ich es nett in Herzpapier ein und legte es verstohlen auf den Esstisch. Ich sagte nichts, wollte warten, bis er es selbst beim Vorbeigehen entdeckt.

Endlich hielt er an. Er fragte mich ganz erstaunt: „Ist dies für mich?“ Er packte es aus und staunte nicht schlecht. Schnell zählte er eins und eins zusammen und freute sich riesig auf diese Neuigkeit. Wir konnten unser Glück kaum in Worte fassen.

Ich meldete mich auch gleich beim FA an, um mir das Ergebnis nochmals bestätigen zu lassen. Ich glaube nämlich alles erst, wenn ich es schwarz auf weiss sehe!

Positiv! Juhui, wir hatten es also geschafft! Ich bekam dann auch gleich einen ersten Termin zum US in der 6. SSW. Dort ging ich mit sehr gemischten Gefühlen hin. Ich wusste ja nicht, was auf mich zukam. Da ich 100 % berufstätig bin und als Assistentin in einer Versicherung immer sitzend arbeitete, hatte ich manchmal ein Kneifen links oder rechts im Bauch. Ich dachte da automatisch an eine Eileiterschwangerschaft. Deshalb hatte ich auch grosse Angst vor meinem 1. Termin. Aber alles war in Ordnung. Das Kleine hatte sich auch korrekt in der Gebärmutter eingenistet. Alles verlief soweit gut. Mein Arzt hatte mich auch für 3 Wochen zu 50 % krankgeschrieben, da ihm der sitzende Beruf gar nicht behagte. Er gab mir auch ein erstes Foto von unserem Baby mit.

Nun hatte ich den schweren Gang im Büro vor mir. Ich musste sagen, dass ich die nächsten 3 Wochen aus Sicherheitsgründen nur noch halbtags arbeiten komme aus dem einzig waren Grund. Ich hatte mir immer vorgenommen, wenn ich mal schwanger bin, niemandem etwas zu sagen bis nach den 3. Monat. Dadurch bin ich fast etwas abergläubisch.

Nun denn, der Tag X kam und ich erzählte meinem Chef die Neuigkeit. Er freute sich unheimlich für mich und beteuerte, dass es kein Problem sei und dass das Baby jetzt das Wichtigste ist und meine Gesundheit. Sie würden schon über die Runden kommen solange. Ich sagte ihm auch gleich, dass ich nach der Geburt weiterarbeiten wolle und auch müsse aus finanziellen Gründen. Er nahm dies dankend zur Kenntnis und ich schwebte überglücklich aus seinem Büro. Zuhause lag ich meistens und strickte fleissig an einem kleinen Jäckchen.

 

Bis dahin tönt alles sehr schön, aber das Glück sollte nicht lange währen....

 

Es war genau der 14. Juni 2001 um 11.00 Uhr, als mich der erste Schicksalsschlag wie ein Blitz ins Herz traf....

Ich arbeitete normal morgens an einer Exceltabelle. Am nächsten Tag gaben wir eine Schulung und ich musste noch tausend Dinge erledigen und noch abends ins Ausbildungszentrum fahren. Plötzlich wurde ich gebeten zum Chef zu gehen. Dies war übrigens 2 Wochen nach meiner Bekanntgabe meines Zustands. Ahnungslos betrat ich das Büro. Die Personalchefin sass auch da, was mich schon etwas erstaunte. Der Chef ergriff schliesslich das Wort „Er müsse mir leider mitteilen, dass sie mich ab sofort freistellen müssen. Es sei aufgrund einer Reorganisation per 1. Juli und sie hätten dann keine Arbeit mehr für mich. Ich werde aber meinen Lohn bis zur Geburt und den darauffolgenden 4 Monate SW-Urlaub sicher erhalten. Dann würden sie mir aber dann die Kündigung überreichen“. Er entschuldigte sich noch etwa 5 Mal, dass er ausgerechnet in meiner Schwangerschaft diese schwere Entscheidung treffen musste.

BUMM! Ich war von einer zur anderen Sekunde arbeitslos, mit einem Kind und einem neuen Haus, dass wir monatlich abzahlen mussten! Ich erfuhr soeben von meinem Schock des Lebens! Ich sah nur noch „meine Felle“ davonschwimmen und in eine finanzielle Katastrophe mit Sack und Pack zuzusteuern. Mit allem hätte ich gerechnet – auch mit einem Abort – aber niemals, dass ich meine Stelle verlieren würde! Mir drehte sich alles, ich war am Boden zerstört. Ich konnte nicht mehr an mich halten; die Tränen begannen meine Wange herabzurennen. Ich konnte diese Dreistigkeit und Gemeinheit nicht fassen! Mich packte die Wut. Ich entgegnete mit aufkommendem Zorn, dass ich in diesem Fall am kommenden Arzttermin am 18. Juni wohl die Möglichkeit einer Abtreibung ins Auge fassen müsse, da ich mir ein Kind unter diesem Umständen nicht leisten könne. Da traf ich wohl ins Schwarze!

Die beiden „Täter“ sprangen von ihren Stühlen auf und äusserten aufgeregt, dass ich dies auf gar keinen Fall tun solle! – Komisch, nicht? War das nicht schon ein kleiner Hinweis auf das schlechte Gewissen der Beiden und liess dies nicht auch durchschimmern, dass die Reorganisation nicht der einzige Grund meiner Entlassung war? – Sie warfen mir dann so ungeheuerliche Brocken wie „ ich solle mich gescheiter auf die Schwangerschaft konzentrieren“ und „ich solle doch froh sein, überhaupt noch Lohn zu erhalten, obwohl ich jetzt nicht mehr dafür arbeiten müsse“. Sie begriffen einfach nicht, dass ich für das Geld gerne eine Leistung erbringen wollte, was ich ihnen dann auch mehrmals versuchte, zu erklären. Ich fragte auch, ob ich noch 1 – 2 Wochen bleiben könne, um so alle meine Arbeiten korrekt meiner übrigbleibenden Arbeitskollegin überreichen zu können. „Nein“ hiess es. „Ich müsse sofort meine Sachen packen und gehen. Sie wollen nicht, dass ich noch länger hier bleibe“. Ich kam mir vor, wie ein Schwerverbrecher. Ich arbeitete immer gewissenhaft und zuverlässig, liess mir nie etwas zu Schulden kommen und nun diese Behandlung nach 8 Dienstjahren?!!! Ich konnte dies einfach nicht verstehen! Ich kam mir vor, wie im falschen Film! Ich war echt stocksauer über diese Frauenfeindlichkeit und war zum Kampf mit den Titanen bereit für mein Wunschkind! Ich äusserte mich dann noch mehrmals mit sehr direkten Fakten und liess sie des Öfteren mit meinen zynischen Bemerkungen an die Decke gehen. Manchmal blieb denen auch die Spucke weg und sie redeten sich stotterhaft mit irgend einer läppischen Ausrede heraus. Ja, ich machte es ihnen nicht einfach und doch konnte ich trotz allen Kämpfens keine andere Aufgabe in diesem grossen Versicherungskonzern (mit Hauptsitz in Basel) erreichen.

Mir wurde dann von der Personalchefin befohlen, dass ich meinen Mann anrufen müsse, dass er mich abholen kommt, „sie wollen nicht, dass ich jetzt alleine nachhause gehe“. Da ich echt am Ende war, war ich froh, meinen Mann sogleich sehen zukönnen, um ihm alles zu erzählen. Ich konnte es immer noch kaum fassen. Zuerst wurde ich aber nochmals „einzelbehandelt“ von der Personalchefin. Sie vereinbarte einen Termin mit mir am darauffolgenden Montag zur Besprechung meiner Weiterbildung, die übrigens die Firma voll und ganz übernehmen wollte (ich sagte, ich hätte kein Geld für so etwas). Sie verabschiedete mich dann und führte mich bis zum Ausgang wie einen Sträfling. Sie hatte den Auftrag – und auch ich musste es versprechen vor dem Chef – dass ich mit keinem ein Sterbenswörtchen sprechen dürfte, bevor der Chef die Neuigkeit offiziell bekannt gegeben hätte.

Als mich dann mein Mann nachhause brachte – er hatte gleich frei bekommen – fingen unter meinen Weinkrämpfen dann auch die Bauchkrämpfe an. Als ich dann aufs Klo ging, hatte ich Schmierblutungen. Ich erschrak zutiefst. Schnell hatte ich meine Bemerkung betreffend der Abtreibung vergessen und bangte nun um das unschuldige Kind, auf das wir fast 2 Jahre gewartet hatten. Mein Mann erzählte mir dann, dass er – als ich angerufen hatte – in der Stadt an einem Informationsstand für mehr Tagesmütter und Kinderhorte eine Petition unterschrieben hatte. Er durfte für unser Kind einen Luftballon mit dem Namen des Kindes – es würde (wäre es ein Mädchen und ich hatte dies auch so im Gefühl) „JANAINA“ heissen - anschreiben und fliegen lassen. War dies ein Wink des Schicksals???

Als ich dann am 18. Juni den Termin beim Arzt hatte, hat er auch gleich per US festgestellt, dass es dem Kind gut ging. Er sah den Herzschlag deutlich. Er meinte aber doch etwas mit besorgter Mine, dass man es beobachten müsse. Er gab mir dann auch Magnesiumtabletten für die Blutungen und so hatte ich dann wieder einen Termin 3 Tage später. Am nächsten Abend ging ich dann in die Stadt. Wir trafen die Mutter meines Mannes in einem winzigen, nicht sehr bekannten Restaurant. Als ich dort ankam, stand eine ganze Gruppe Leute im Garten. Es waren nicht irgendwelche Leute, nein es waren Leute aus meiner Firma, die offenbar ein Abteilungsfest hatten. Dort wurde es mir fast schlecht. Wieder kam alles hoch und ich regte mich total auf. Beim Essen dann, als wir der Mutter gestanden, dass sie schon bald Oma wird, empfand ich einen Art „Messerstich“ in meinem Bauch. Sofort wusste ich, dies war wohl der endgültige Todesstoss für unser Kind. Ich rannte auf das Klo und die Schmierblutung wurde immer stärker. Ich hatte schon eine Vorahnung...

Zu meinem FA war ich zu diesem Termin alleine hin gegangen. Mein Mann konnte nicht kommen. So erfuhr ich ganz alleine, dass das Kind keinen Herzschlag mehr hatte und es wahrscheinlich tot ist. BUMM, der 2. Schicksalsschlag traf mich wie ein Blitz und auch dieses Mal mitten ins Herz und die Seele! Genau eine Woche nach meiner Entlassung jetzt auch noch der Tod meines geliebten Babys? Nein, das konnte doch nicht sein? Was habe ich bloss verbrochen, dass ich so bestraft werde???

Der Arzt meinte aber noch, ich solle noch nicht ganz die Hoffnung verlieren. Es könnte sein, dass man ein paar Tage den Herzschlag wieder sieht. Trotzdem wies er mich auf eine Auskratzung noch vor seinen Ferien hin oder den natürlichen Abgang, welcher ca. 4 – 6 Wochen dauern würde. So bekam ich am 25. Juni erneut einen Termin.

Diese Tage waren wohl die qualvollsten, mit Ungewissheit erfüllten Tage unseres Lebens. Meine Gedanken kreisten wild umher. Ich hatte Panik, dass wenn ich nicht mehr schwanger war, die Firma mich fristlos rausstellt. Ich redete dem Kind zu, es solle doch bei mir bleiben, aber es half nichts. So entschied ich mich auch für die natürliche Variante. Ich dachte nur noch, wenn ich das Kind habe – ob tot oder lebendig, bin ich immer noch schwanger. Ich war in einer Zwickmühle, wo ich nicht mehr raus kaum.. Am Sonntag dann  wurde mir die Entscheidung schliesslich „von oben“ abgenommen. Ich bekam solche fürchterlichen Bauchschmerzen – es waren wohl eine Art Wehen – dass ich kaum noch Sitzen oder Liegen konnte. Die Blutung setzte dann ein und ich wusste, dass ich das Kind verlieren werde. Ich war Ende des 3. SWM angelangt. So sass ich nun auf dem Klo und hatte unendliche Schmerzen. Ich wollte plötzlich nur noch, dass diese vorbei waren und drückte solange, bis ich dann den Abgang deutlich spürte. Die Schmerzen liessen dann auch bald darauf nach und ich war nur noch erleichtert.

Beim Arzt erzählte ich, was vorgefallen war. Er schaute sofort via US nach und er bestätigte mir, dass das Kind weg war und auch keine „Überresten“ übrig geblieben waren. Er war sehr erstaunt über den schnellen Abgang, geht dies doch normalerweise in der Natur 4 – 6 Wochen. Ich hatte also mein Wunschkind höchstwahrscheinlich durch einen grossen Schock verloren. Mein sonst ach so starker Körper hielt dem Schicksalsschlag einfach nicht stand und knickte um wie ein Baum in einem Orkan.

 

Mein nächster Schritt war der, dass ich ja der Firma Bescheid sagen musste. Ich hatte riesige Angst, denn dann würde ich per sofort gekündigt werden und würde auch keinen Lohn mehr erhalten. Dennoch entschied ich mich ein paar Tage später für die Wahrheit. Ich schrieb ein ziemlich heftiges Mail an meinen Chef und befahl schon quasi, dass sie mir jetzt eine faire Lösung anzubieten hätten, da sie ja schliesslich mitschuldig am Tod meines Kindes waren. Postwendend kam auch eine Antwort mit Beileid und all’ dem Geschwafel und der Zusicherung, sie würden sich auf finanzieller Basis etwas ausdenken. Und so wurde mir dann  1 Monat später erst gekündigt und mir den Lohn für volle 6 Monate zugesprochen, vorausgesetzt ich finde vor März 2002 keine neue Stelle. Mein Mann und ich flüchteten regelrecht „last Minute“ für 14 Tage in das sonnige Griechenland um etwas Abstand zu gewinnen. Dort genoss ich regelrecht die Anonymität und keiner löcherte mich mit unerträglichen Fragen. Ich beschloss dort auch, zuhause zu einem Anwalt zu gehen um meine Rechte abzuklären. Als wir dann zurückkamen, bekam ich einen Tag nach unserer Rückkehr einen Anruf von einer Freundin. Sie wusste ja was mir passiert war und trotzdem besass sie die Unverfrorenheit, mir ins Gesicht zu sagen, dass sie im 3. Monat schwanger war und es nicht gemerkt hätte. Es war ihr zweites Kind (der Geb.termin war genau 1 Monat später als der von Janaina festgelegt). Sie meinte nur schnippisch, wenn sie an meiner Stelle gewesen wäre, dann wäre sie beleidigt gewesen, wenn sie es mir nicht gesagt hätte. Ich war wieder am Nullpunkt angelangt. Alles was ich mir in den 2 Wochen erarbeitet hatte, war wieder im Nu zerschlagen worden! Ich konnte nicht glauben, wie man so gefühllos und dumm sein konnte. Ich mied den Kontakt fortan zu ihr, aber sie rief immer wieder an und plapperte pausenlos über ihre Schwangerschaft. Ich ging fast drauf. Ich sagte es ihr auch mal, dass sie dieses Thema bitte lassen solle, aber sie hat mir gar nicht zugehört und mich wie eine Dampfwalze überrollt. Ich mied dann auch alle Mütter mit kleinen Kindern und solche, die schwanger waren. In der Stadt überall war ich umzingelt von Schwangeren. Ständig dachte ich, ich wäre jetzt auch schon soweit, wenn da nicht diese „Mörder“ gewesen wären...

Es begann für mich ein langer Leidensweg der Verarbeitung. Mein schlechter seelischer Zustand wirkte sich total auf meine Vorstellungsgespräche aus, klar. Ich wollte mich eigentlich zuhause verkriechen, musste aber trotzdem nach aussen hin die perfekte, glückliche, voll motivierte Kandidatin spielen. Es war ein Teufelskreis. Ich fand einfach keine passende Stelle – schliesslich wollte ich ja nicht vom Regen in die Traufe -.

Zwischenzeitlich waren wir dann auch bei einer Anwältin. Ihr kam fast die Galle hoch bei dieser Brutalität dieser Firma. Sie machte mir leider doch schnell klar, dass in Sachen Mutterschutz die Schweiz recht hinterherhinke und ich kaum Chancen hätte. Meine Entschädigung würde so gering ausfallen, dass ich nicht mal den Anwalt bezahlen könne. Wären wir in Amerika gewesen, so hätte ich sie verklagt! So musste ich dann von dieser Sache lassen, leider. Ungestraft kamen diese Kindsmörder davon! Aber ich musste weiterleben.

Nach zahllosen Bewerbungen und zum Teil echt dreisten Vorstellungsgesprächen, wo ich manchmal gedacht habe, ich spinne, flüchtete ich nochmals für 3 Wochen ins Ausland (mit Hilfe meiner Mutter). Dort habe ich mich dann sehr gut erholen können und kehrte gestärkt zu meinem Mann nachhause zurück.

Wie es der Zufall wollte, rissen sich plötzlich sämtliche Firmen um mich. Ich konnte mich vor lauter Vorstellungsgesprächen kaum retten. Dann hatte ich die Qual der Wahl. Ich musste mich zwischen zwei Arbeitgebern entscheiden (mit Strichliste). Beide wollten mich unbedingt. Ich musste offenbar so einen umwerfenden Eindruck auf diese gemacht haben, dass sie mir sogar mehr Geld bieten wollten als der andere! Stell’ sich dies einer vor. Es war wieder wie im Film, nur weitaus positiver.

Dort wo ich heute arbeite gefällt es mir gut. Heute oder besser gesagt vor ein paar Tagen machte ich mir das erste Mal wieder Gedanken, ob ich meine Angst, nochmals eine Fehlgeburt erleiden zu können, nicht überwinden sollte und gemeinsam nochmals zu versuchen, ein Baby zu bekommen. Bis vor kurzem war ich noch entschieden dagegen und wehrte mich vehement gegen eine erneute Schwangerschaft. Aber jetzt, wo ich die vielen Schicksale gelesen habe und durch Mut doch noch ein Wunschkind zur Welt kam, bin ich sehr nachdenklich geworden. Vielleicht werde ich es nochmals wagen. Nicht heute oder morgen, aber vielleicht übermorgen, wenn ich wirklich wieder 100%-ig bereit dazu bin. Angst, dass ich durch meinen jetzigen Arbeitgeber wieder in diese Situation gelangen könnte, habe ich nicht. Es sind zum Glück nicht alle so skrupellos oder zumindest noch nicht.

 

Ich hoffe, dass dieses Schicksals-Doppelpack nie jemand erfahren muss. Ich bin eine Kämpfernatur und stark – zum Glück – denn wenn ich dies nicht wäre, wäre ich wahrscheinlich nicht mehr hier. Auch wenn ich die Sache immer noch nicht richtig abgeschlossen habe, so bin ich heute froh, dass ich meine traurige Geschichte hier und jetzt niedergeschrieben habe. Es dauerte ein ganzes Jahr für diesen Schritt und ich bin froh darüber.

 

Wer weiss, was die Zukunft bringt. Gott sei Dank weiss man ja nicht, was einem die Zukunft bringt und dies ist auch gut so!

 

 

 

 


 

Ganz liebe herzliche Grüsse

 

 

 

Beatrice