Conni

 

 

 

„ALS ERINNERUNG AN DIE WOCHEN MIT DIR“

 

1. Brief an Calimero

 

Mein allerliebster kleiner Calimero

Wie ein kleines Wunder bist du in mir entstanden, so sehr erwünscht warst du. Dein Papi und ich waren überglücklich, als uns der Arzt am 15. August 2002 bestätigte, dass es wirklich wahr ist, dass du in mir wächst. Im Ultraschall sahen wir bereits dein Herzlein schlagen. Dieser Moment war so ergreifend, wir freuten uns so sehr. Zu diesem Zeitpunkt warst du bereits 6 Wochen alt. Der ungefähre Geburtstermin wurde auf den 9. April 2003 geschätzt. Natürlich mussten wir diese frohe Botschaft in den kommenden Tagen auch deinen Omis und Opas, deinen zukünftigen Tanten, Onkeln und Cousinen mitteilen. Diese alle freuten sich mit uns, dass es so schnell geklappt hat.

In den folgenden Wochen haben wir uns mit Literatur über Schwangerschaft und Geburt eingedeckt und ich konnte mich kaum satt lesen. Es war so spannend zu erfahren, was jetzt in meinem Körper alles passiert, wie du wächst und dich entwickelst. Jeden Abend beim Zubettgehen hat dein Papi meinen Bauch sanft einmassiert und vor dem Schlafengehen haben wir dir die Spieluhr mit Schuberts Wiegenlied vorgespielt. Das war ab jetzt unser Abendritual welches wir und hoffentlich auch du immer genossen haben.

Am Montag 26. August 2002 habe ich auch im Geschäft mitgeteilt, dass ich schwanger bin. Die Überraschung war gross und das ganze Team freute sich mit mir.

Am Dienstag 27. August 2002 habe ich mir Sorgen gemacht als ich am Morgen blutigen Schleim entdeckte als ich auf die Toilette ging. Ich rief dann in der Arztpraxis an und erkundigte mich, was ich machen soll. Die Praxisassistentin beruhigte mich, dass es schon mal vorkommen könne. Wenn ich keine Bauchkrämpfe hätte, müsste ich mir keine Sorgen machen. Wenn möglich sollte ich aber trotzdem viel liegen. Da ich auch noch an einer starken Erkältung litt, ging ich dann am Nachmittag ein wenig früher nach Hause und legte mich dann ins Bett. Nach einiger Zeit spürte ich ein Ziehen im Unterleib und als ich auf die Toilette ging stellte ich mit Schrecken fest, dass die Blutung stärker geworden war. Beunruhigt rief ich nochmals in der Arztpraxis an. Dort sagte mir die Praxisassistentin, dass der Arzt nicht in der Praxis sei, sie werde aber versuchen ihn zu erreichen und er werde mich anrufen. Vielleicht wolle er mich dann heute noch sehen. Ich rief daraufhin meinen Mann im Geschäft an und er versprach, sofort nach Hause zu kommen. Inzwischen war ich schrecklich besorgt um dich und hoffte ganz stark, dass mit dir alles in Ordnung ist. Ich war sehr froh, als dein Papi nach Hause kam und ich mit meiner Ungewissheit nicht mehr alleine war. Er war mir eine grosse Hilfe. Die Blutungen wurden immer stärker, jeder Gang auf die Toilette wurde zur Tortur weil wir nie wussten, was passiert und ob du noch lebst. Wenn doch nur endlich der Anruf vom Arzt kommen würde. Ich rief noch zwei Mal in der Praxis an, bis der ersehnte Anruf endlich kam. Ich schilderte ihm, was passiert ist bzw. passiert. Leider konnte er mir auch nicht mehr sagen, als dass ich einfach liegen soll. Mehr könne im Moment nicht getan werden. Therapeutisch gebe es in einem solchen Fall nichts was man tun könnte. Und er sagte auch, dass im jetzigen Stadium der Schwangerschaft das Motto gelte „alles oder nichts“. Dazwischen gebe es nichts. Zu einer Fehlgeburt komme es dann, wenn etwas mit dem Embryo nicht in Ordnung sei, dies sei eine Entscheidung der Natur. Er sagte, wir sollen morgen früh um 7.45 Uhr in die Praxis kommen, dann würde er einen Ultraschall machen und dann wüssten wir mehr. Ich solle mir jetzt keine allzugrossen Sorgen machen. Blutungen müssten nicht in jedem Fall eine Fehlgeburt zur Folge haben. Ich war kaum fähig, zu telefonieren, Weinkrämpfe schüttelten mich. Ich glaube, in meinem Innersten wusste ich bereits, dass es dir nicht mehr gut geht. Die folgende Nacht, die folgenden Stunden waren schrecklich. Wie kann man so viel Blut verlieren. Dein Papi war in dieser Nacht ein Goldschatz. Er hat mir so geholfen und hat mir beigestanden. Wenn es nur endlich Morgen werden würde. Meine Gedanken in dieser Nacht kreisten nur um dich, mein allerliebster Calimero. Fragen und Gedanken, auf die mir niemand Antwort geben konnte, raubten mir den Schlaf. Lebst du noch?  – Was passiert? – Habe ich etwas falsch gemacht? – Bist du überhaupt noch hier, oder haben wir dich etwa bereits verloren?

Wir hatten dich doch bereits so liebgewonnen. Mit aller Kraft wollte ich dich versuchen zu halten. Du hattest bereits einen festen Platz in unserer Beziehung. Wir schmiedeten bereits Pläne, wo wir dein Kinderzimmer einrichten wollen. Und Hochzeitspläne waren auch schon am entstehen. Wir wollten deine Taufe mit unserer Hochzeit verbinden. Dies sollte ein ganz besonderes Ereignis werden.....

Endlich endlich war es Morgen geworden. Dein Papi half mir beim Waschen und Anziehen und dann machten wir uns mit gemischten Gefühlen auf den Weg zum Arzt. Wir waren die ersten Patienten. Der Arzt hat uns sehr liebevoll empfangen und wollte von uns als erstes Informationen über die Geschehnisse der letzten Nacht. Dann liess ich voll Angst den entscheidenden Ultraschall über mich ergehen. Ein letztes Hoffen und Bangen vor der endgültigen Wahrheit. Ich hatte es bereits geahnt, und der Arzt bestätigte den schrecklichen Verdacht. Du bist von uns gegangen, die Fruchtblase ist weg, keine Herztöne mehr. Es fehlen die Worte, ich habe nur Tränen als Antwort auf diese Nachricht. In den Armen von deinem Papi weine ich mich aus. Warum nur, warum nur.... Wir hatten dich doch so lieb....

Der Arzt erklärte uns einfühlsam noch einmal, warum es zu Fehlgeburten kommen kann. Du, mein kleiner Calimero, warst nicht überlebensfähig. Die Natur entscheidet dann, dass der Körper die Kräfte sparen muss für einen überlebensfähigen gesunden Embryo. Und auch wenn es nur ein kleiner Trost sei, so seien wir doch vor etwas bewahrt worden. Diese Worte nahm ich wie durch einen Schleier wahr. Ich wollte einfach weg, wollte alleine sein mit unserer Trauer. Ich bekam noch Medikamente, welche Gebärmutterkontraktionen auslösen sollten, damit alles restliche Gewebe in der Gebärmutter noch weggeht. Am Freitag sollten wir noch einmal zur Kontrolle kommen. Die nächsten Stunden und Tage durchlebte ich wie in Trance. Ich fühlte eine grosse Leere und Trauer. Ich wusste, es muss irgendwie weitergehen und ich wusste auch, dass irgendwann wieder bessere Zeiten kommen würden. Im Moment aber, konnte ich das nicht glauben. Die Trauer über deinen Verlust war noch zu gross. Ich weinte viel in den nächsten Tagen und war so froh, dass dein Papi bei mir zu Hause blieb. Er half mir sehr und ich wüsste nicht, wie ich das Ganze ohne ihn durchstehen würde. Ich glaube, ich konnte ihm dies nur zu wenig zeigen. Zu sehr war ich mit meinen eigenen Gedanken beschäftigt. Ich war müde und schlief viel. Wir riefen auch deine Omis und Opas an und teilten ihnen mit, dass wir dich verloren haben. Sie fühlten mit uns....

Es wurde Freitag, der Arztbesuch stand auf dem Programm. Beim Ultraschall sah der Arzt, dass die Gebärmutter noch nicht leer war, noch hatte es Gewebe drin. Er schätzte die Gefahr einer Infektion zu gross ein und deshalb wollte er eine Ausschabung machen. Dieser Eingriff musste im Spital unter kurzer Narkose durchgeführt werden. Ich hatte so gehofft, dass mir wenigstens dies erspart bleibt, aber es musste wohl sein. Zum Glück konnte mein Arzt diesen kurzen Eingriff bereits am Samstag durchführen. Am gleichen Abend des Eingriffes konnte ich dann zum Glück bereits wieder nach Hause. Die Schwestern im Spital waren sehr nett und ich fühlte mich gut aufgehoben. Dies war nun bereits der 3. Spitalaufenthalt in diesem Jahr. Nachdem ich im Januar und im Mai 03 bereits wegen einer Endometriosezyste operiert wurde. Der Arzt sprach mir Mut zu und versicherte mir, dass der nächste Spitalaufenthalt dann ganz bestimmt für eine Geburt sein werde. Ich fühle mich sicher bei ihm und bin froh, dass ich einen so lieben und einfühlsamen Arzt habe. Ich glaube, er wusste genau, was in mir vorgeht.

Wieder zu Hause fühlte ich mich sehr müde und noch etwas benommen von der Narkose. Mit diesem Eingriff hatte für mich die Fehlgeburt etwas Endgültiges erlangt. Jetzt wusste ich, dass alles weg war. Manchmal plagen mich Gedanken, weil ich nicht weiss, wo du bist. Haben wir dich einfach ins WC runtergespült oder warst du bis zur Ausschabung noch in der Gebärmutter? Ich weiss dass ich mir solche Gedanken nicht machen sollte, aber trotzdem beschäftigen sie mich. Ich habe nichts, gar nichts von dir, nicht einmal ein Ultraschallbild. Auch wenn ich dich noch nicht gespürt habe, so hast du doch bereits gelebt, dein Herzlein hat geschlagen.

Freunde und Familie geben uns in dieser Zeit Trost. Wir wissen, dass es mit einer Schwangerschaft wieder klappen kann und hoffen jetzt ganz ganz fest, dass ein nächstes Mal alles gut gehen wird.

Aber dich, mein lieber kleiner Calimero werde ich nie, nie in meinen Leben vergessen. Du hast einen festen Platz in meinen Leben, in meinem Herzen. Das musst du wissen. Und wenn ich irgendetwas getan habe, was dir geschadet hat, so tut es mir unendlich leid und ich hoffe du verzeihst mir. Ich hoffe ganz fest, dass du einen schönen Platz im Himmel bekommst, du bist jetzt unser kleiner Engel. Der liebe Gott und viele liebe Leute werden dort oben auf dich aufpassen.....

 

In Liebe, dein Mami

 

 

2. Brief an Calimero, September 2002

 

Mein lieber kleiner Calimero

Schon ist mehr als eine Woche vergangen, seit du von uns gegangen bist. Noch immer schmerzt es sehr, an dich zu denken. In Gedanken bin ich noch oft bei den Plänen, die wir für dich geschmiedet hatten. Manchmal frage ich mich, was für einen Sinn das Ganze hat. Ich weiss, nichts wird mehr sein wie vorher. Du hast unser Leben verändert. Ein kleines Puzzle-Teil von unserem Lebens-Puzzle fehlt für immer. Es wird nie ein Ersatz dafür geben. Und das ist wahrscheinlich auch gut so. Ich hoffe, dass es bald nicht mehr so weh tut an dich zu denken. Weisst du, am schlimmsten sind die Nächte, die ruhigen, dunklen Nächte. Da habe ich so viel Zeit zum Nachdenken, durch nichts abgelenkt. Da kreisen all meine Gedanken um dich, um die Geschehnisse jener Nacht. Bilder kommen hoch und lassen mich nicht mehr los. Tagsüber lenken mich die Geschehnisse des Tages, Radio, Fernsehen, Arbeit, Zeitungen, etc. ab.

Morgen gehe ich wieder zur Arbeit. Ich gehe mit gemischten Gefühlen. Einerseits wird mir die Abwechslung gut tun, andererseits weiss ich aber nicht, wie die Leute reagieren werden, wie sie auf mich zukommen werden. Werden sie mich ansprechen oder sind sie vielleicht froh, wenn nicht darüber gesprochen wird. Muss ich einfach funktionieren oder gibt es noch Platz für meine Trauer?

In der vergangenen Nacht war ich lange auf dem Internet, habe auch verschiedenen Homepages über Fehlgeburten und Erfahrungen von betroffenen Eltern gelesen. Das hat einerseits gut getan, hat mich aber andererseits auch traurig gemacht. Um 2.00 Uhr bin ich dann wieder zu deinem Papi ins Bett gestiegen. Weinend habe ich mich an ihn gekuschelt und er hat mich ganz fest gehalten. Ich bin so froh um sein Mitgefühl und seine Unterstützung. Ich glaube ohne ihn würde ich das Ganze nicht schaffen. Unsere Beziehung ist in der vergangenen Woche gewachsen. Ich bin mir nun ganz sicher, dass er mein Mann fürs Leben ist. Ich könnte mir keinen tolleren Ehemann und Papi vorstellen!

Diese Woche kam noch deine Tante zu Besuch mit ihrem kleinen Sohn. Es tat gut mit ihr zu reden. Obwohl ihre Zwillinge zu einem späteren Zeitpunkt tot zur Welt kamen, kann sie doch am ehesten mitfühlen, was ein solcher Verlust bedeutet. Ich konnte mit ihr über meine Gedanken und Ängste sprechen. Auch über die quälende Frage, nicht zu wissen, was mit dir passiert ist, wo du bist. Diese Frage ist für mich jetzt nicht mehr so belastend. Denn ich glaube jetzt auch fest daran, dass deine Seele an einem schönen Ort im Himmel bist, dass du unser kleiner funkelnder Stern am Himmelszelt bist. Alles andere, was bei der Ausschabung oder den Blutungen herauskam, war nur die Hülle, unwichtig.... Was zählt ist deine Seele...

Es tut so gut, dir zu schreiben von meinen Gedanken und Gefühlen. Ich bin froh, dass es dich gibt, auch wenn wir dich so gerne länger behalten hätten. Du wirst für immer einen Platz in meinem Herzen haben, du unser erstes über alles geliebte Kind!

 

Dein Mami

 

 

3. Brief an Calimero, Ende September 2002

 

Mein kleiner Calimero

Schon sind es mehr als drei Wochen, seit wir dich verloren haben. Ich denke sehr oft an dich. Ich habe jetzt wieder mit der Arbeit begonnen. Es tut gut, wieder etwas zu tun zu haben. Aber ich merke auch, wie es mir schwer fällt, die kleinen Sorgen anderer Leute zu verstehen. Was sind die denn im Vergleich zum Verlust eines Kindes.

Am Mittwoch war ich beim Arzt zur Kontrolle. Es ist alles in Ordnung. Trotzdem war ich so traurig. Ich habe daran gedacht, wie wir beim Ultraschall dein Herz schlagen gesehen haben. Warum nur, warum nur durftest du nicht leben. Ich weiss, dass ich mich nicht mit solchen Fragen quälen sollte, aber ich kann nicht anders. Der Arzt war sehr lieb, hat mir auch erklärt, dass er bei einer nächsten Schwangerschaft eine ganz enge Begleitung und mehr Untersuche machen wird, bis ich das Vertrauen in meinen Körper wieder gefunden habe. Ich glaube, bei ihm bin ich wirklich in guten Händen.

Wenn ich schwangere Frauen oder Frauen mit Kinderwagen sehe, so tut es jedes Mal so weh. Weisst du, ich möchte nicht die Babys dieser Frauen, nein, aber ich hätte mit dir doch auch so glücklich werden können. Manchmal denke ich, dass das Leben so unfair ist. Hunderte von Frauen treiben ihre Kinder ab und andere, die ihre Babys so wünschen, verlieren sie. Wo bleibt da die Gerechtigkeit? Es fällt mir so schwer, das akzeptieren zu können.

Dein Papi ist so lieb zu mir, hat so viel Verständnis für mich und hilft mir sehr. Trotzdem habe ich manchmal ein schlechtes Gewissen, das Gefühl dass ich ihm weniger geben kann als er mir gibt.

Heute ist ein Mail von meiner Kollegin gekommen. Und weisst du was sie geschrieben hat, sie ist im 5. Monat schwanger. Ich freue mich für die beiden aber es tut auch so weh. Warum hat bei uns nicht auch alles gutgehen können? Immer diese vielen Fragen auf die es keinen Antworten gibt....

Heute fahren dein Papi und ich für ein paar Tage ins Südtirol und danach ein paar Tage an die Expo02. Ich freue mich, wegzugehen und Zeit zu haben, um ein bisschen Abstand zu gewinnen. Ich glaube, das tut uns beiden jetzt gut.

 

Liebe Grüsse von deinem Mami

 

 

4. Brief an Calimero,  April 2003

 

Mein liebster kleiner Calimero

Viel  Zeit, bereits sieben Monate, sind vergangen, seit du uns verlassen hast. Und doch scheint es mir, als ob es gerade erst geschehen ist. Heute, am 09. April 2003, wäre dein Geburtstermin, ein ganz spezielles Datum für dein Mami und deinen Papi. Was wäre, wenn alles gut gegangen wäre? Wärst du jetzt schon geboren? Wie würdest du aussehen? Was hätte sich für uns bereits geändert? Wie dick wäre mein Bauch gewesen? Wie sähe dein Kinderzimmer aus? Was für Namen hätten wir ausgewählt? Fragen über Fragen, die immer wieder im Kopf kreisen und auf die es keine Antworten gibt. Mal sind solche Gedanken häufiger, mal weniger. Doch es vergeht kein Tag, an dem ich nicht an dich denke, kein einziger. Es tut nicht mehr so weh, daran zu denken wie am Anfang. Ich glaube fest daran, dass du uns nur vorausgegangen bist, und uns nicht für immer verlassen hast. Und ich glaube daran, dass es dir bei all den kleinen und grossen Engeln im Himmel gut geht.

Ich gehe alle drei Monate zur Ultraschallkontrolle zu meinem Arzt. Bis jetzt ist alles in Ordnung, keine neue Zyste oder Spuren von Endometriose in Sicht. Mein Arzt ist wirklich sehr nett, verständnisvoll und spricht mir auch immer wieder Mut zu. Aber wann werde ich wohl wieder schwanger? Ich weiss, dass ich Geduld haben muss und dass der Körper auch Zeit braucht, um diese Ereignisse zu verarbeiten. Aber ich habe tief im Innersten doch so fest gehofft, dass es schneller wieder klappt. Und nun ist schon ein halbes Jahr vergangen. Und jeden Monat bin ich wieder enttäuscht, wenn meine Periode kommt. Es ist so schwer, sich nicht unter Druck zu setzen, das Ganze „locker“ anzugehen. Ich bin froh, dass dein Papi so viel Verständnis für mich hat und mir auch immer wieder Hoffnung macht und mich tröstet.

Im Moment haben wir etwas Ablenkung, weil wir ziemlich mit unseren Hochzeitsvorbereitungen beschäftigt sind. Eigentlich wollten wir ja deine Taufe und unsere Hochzeit miteinander feiern. Aber es ist nun alles anders gekommen.

Ich freue mich auf den grossen Tag am 5. Juli 2003, wenn dein Papi und ich uns „trauen“. Ich glaube, etwas besseres hätte mir nicht passieren können! Wir haben schon so viel miteinander erlebt und durchgestanden, dass wir beide überzeugt sind, unseren weiteren Lebensweg gemeinsam zu gehen! Und wenn uns dann noch ein Baby geschenkt wird, so wird unser Glück vollkommen sein. Ich hoffe so sehr, dass wir nicht allzu lange darauf warten müssen……

Heute brennt die Engelkinderkerze für DICH!

Ich habe diese Kerze bestellt auf der Homepage der Engelskinder. Immer wenn ich in Gedanken bei dir bin, in besonderen Momenten, brennt diese Kerze für dich und alle Engelskinder.

Es ist heute kalt draussen, eigentlich viel zu kalt für einen Frühlingstag im April, es schneit, alles ist weiss. Auch in meinem Herz ist es heute ein wenig kälter, ein wenig dunkler als sonst. Meine Gedanken sind heute bei dir mein kleiner Schatz. 

 

Dein Mami

 

 

5. Brief an Calimero, August 2003

Mein liebster kleiner Calimero

Heute ist dein 1. Todestag. Schon ist es ein ganzes Jahr her, seit wir dich verloren haben. Wenn alles gut verlaufen wäre, wärst du jetzt schon 4 Monate alt. Mir ist es, als wäre diese schreckliche Nacht, in der du uns verlassen hast, eben erst passiert. Ich habe die Bilder jener Nacht noch immer vor meinen Augen. Ich denke viel an dich. Es ist nicht mehr so schmerzhaft wie am Anfang, aber es macht mich doch immer wieder traurig. In diesem Jahr ist viel passiert. Das grösste Ereignis war wohl die Hochzeit am 5. Juli 2003. Dein Papi und ich haben uns im wunderschönen Schloss Wartensee das Ja-Wort gegeben. Es war ein wunderschöner unvergesslicher Tag. Schade, dass du nicht dabei sein konntest. Danach verreisten wir für zwei Wochen in die Flitterwochen nach Bali. Ich hatte die Hoffnung, vielleicht dort schwanger zu werden. Es war vom Zyklus her nämlich genau die ideale Zeit dafür. Aber es hat leider nicht geklappt. Immer wieder dieses Hoffen und dann die Enttäuschung, Monat um Monat. Das auszuhalten fällt mir nicht immer leicht. Und immer wieder diese Fragen nach dem Warum, auf die es leider keine Antworten gibt…. Nach den Ferien waren wir beim Arzt. Wir haben ihn um ein Gespräch gebeten, da wir langsam ungeduldig wurden. Eine Blutuntersuchung bei mir und ein Spermiogramm bei deinem Papi sollten mehr Klarheit bringen, warum es nicht mehr klappt mit einer Schwangerschaft. Der Arzt hat uns mitgeteilt, dass die Werte vom Spermiogramm nicht so gut sind. Nur 2% der Spermien sind normal, was sehr wenig ist. Bei mir ergaben die Hormonuntersuchungen, dass die Schilddrüse eine leichte Unterfunktion aufweist, was sich negativ auf die Funktion der Eierstöcke auswirken kann. Der Arzt war sehr einfühlsam im Gespräch und stimmte uns optimistisch, dass es trotz allem mit einer Schwangerschaft klappen kann. Er empfahl uns, noch beim Urologen abzuklären, ob sich betr. Spermien vielleicht etwas machen lässt und mir verordnete er ein Präparat für die Schilddrüse. Zusätzlich erhielt ich ein Medikament, welches die Eierstockfunktion bzw. die Eizellreifung unterstützen soll. Er versprach, dass er mir ganz sicher irgendwann ein Baby in die Arme legen wird! Dies stimmte uns wieder etwas optimistischer, vor allem weil er von anderen grösseren Therapien wie künstlicher Befruchtung  noch nicht gesprochen hat. Unser Optimismus wurde dann vom Urologen wieder etwas gedämpft. Die Blut- bzw. Hormonwertuntersuchung ergab, dass der FSH-Wert viel zu hoch ist, was auf eine Schädigung der Hodenfunktion schliessen lässt, als Folge des Hodentumors bzw. der Hodenoperation vor ein paar Jahren. Er sagte uns im Gespräch ganz klar, dass es seiner Meinung nach nicht möglich ist, dass ich auf normalem Weg schwanger werden kann. Er sieht als einzigen Weg die künstliche Befruchtung. Er sagte uns dann auch, dass wir uns grundsätzlich überlegen müssen, ob wir wirklich Kinder wollen. Die Frauen seien nicht nur zum Gebären da, etc…. Ziemlich deprimiert verliessen wir die Praxis. Wie konnte das sein, dass mein Arzt so optimistisch war und dieser Urologe so pessimistisch? Wer hat recht bzw. unrecht? Ich war froh, dass ich am Montag einen Termin bei meinem Arzt hatte für den Follikelutraschall. Ich musste jetzt Gewissheit haben, was er meint. Wie erhofft, sieht mein Arzt das Ganze wirklich optimistischer. Er sagte, er werde den Bericht vom Urologen abwarten, aber ich müsse nicht traurig sein. Wir werden die nächsten zwei Monate jetzt abwarten und schauen, ob die Medikamente etwas bewirken. Und wenn nicht, so werden wir dann die weiteren Strategien überlegen. Auf jeden Fall sagte er, dass die Spermienqualität für eine IVF-Behandlung noch alleweil reichen. Das hat mich doch wieder etwas aufgestellt. Und es bleibt uns nichts anderes übrig, als zuversichtlich die nächsten Monate abzuwarten und zu hoffen. Übers nächste Wochenende fahren dein Papi und ich nach Oesterreich, um Verwandte zu besuchen. Etwas Abstand tut uns sicher gut und ich freue mich auf diese Tage. Ich denke heute ganz fest an dich, mein Schatz. Ich habe für dich die Engelskinderkerze angezündet. Sie soll dir Licht geben und uns neue Hoffnung…

In ewiger Liebe, dein Mami