Enrico

 

 

Liebe Eltern, Verwandte, Freunde und Kinder,
 
Wir möchten euch mit diesem Beitrag die Geschichte unserer Tochter Liliana Rubina erzählen. Auch wir sind davon überzeugt, dass Schweigen nichts nützt, im Gegenteil, wir möchten gerne, dass so viele Menschen wie möglich unsere Geschichte, die Geschichte von Liliana erfahren. Meine Frau hat in den letzeten Wochen ganze Tagebücher über unsere Geschehnisse geschrieben und so denke ich, ist es jetzt an mir, diese Geschichte zu erzählen. Obschon Roberta und ich uns "erst" seit zwei Jahre kennen, wussten wir schon bald: Wir wollen ein Kind! Kurz nachdem Roberta die Pille abgesetzt hatte - es schien uns schier unmöglich - war sie schwanger. Wir freuten uns riesig! Leider waren wir beide auch stark durch unsere Arbeit belastet, ja man könnte sagen bedrückt. Ihr könnt euch nicht vorstellen wie schwierig es für mich ist, diese Zeilen zu schreiben... Warum habe ich mich nicht mehr auf die Schwangerschaft eingelassen? Warum habe ich mir nicht mehr Zeit genommen? Was wäre gewesen wenn...? All diese Fragen die mich quälen und mir keine Ruhe lassen. Dabei habe ich diese, meine Tochte so gewollt! Die Untersuchungen waren alle bestens ausser das Robertas Muttermund etwas verkürzt war. Aber das war nicht schlimm, blieb er doch verschlossen. Roberta durfte aber aufgrund ihrer körperlichen Tätigkeit nicht mehr weiterarbeiten. Irgendwo zwischen 5. und 6. Monat fing Liliana sich an zu regen. Von da an wussten wir, das gibt ein lebendiges Kind. Ständig verpasste sie Roberta Fusstritte oder schlug mit Händen und Ellenbogen aus. Die Zeit verstrich wie im Fluge und schon wars anfangs Februar. Der offzizielle Termin war auf den 2.3.04 festgelegt worden. In der zweiten Februarwoche hatte Roberta dann leichte Wehen. Sie machte sich schon Sorgen, konnte Liliana aber gut wahrnehmen, sodass kein Arzttermin nötig schien. Am Freitag, den 13.2.04 verbrachten wir dann noch einen wunderschönen Tag in einem Wellnessresort am Feusisberg. Wir genossen die traute Dreisamkeit. Am Samstargmorgen konnte Roberta Liliana nicht mehr wahrnehmen. Sie wurde zusehends besorgter. Sie versuchte Liliana zu stubsen und zu Bewegungen anzuregen, aber sie rührte sich nicht. Gegen Mittag ist sie dann zu einer befreundeten Hebamme, welche sie untersuchte und durch die leichten Wehen das Gefühl hatte, das Kind wahrzunehmen. Sie konnte aber keine Herztöne hören. Am späteren Nachmittag nahmen dann die Wehen zu und wir entschlossen uns ins Krankenhaus zu fahren. Dort wurde Roberta sofort untersucht, aber auch da konnte die Hebamme keine Herztöne erkennen. Nachdem auch die zweite Hebamme erfolglos blieb, wurde die Aerztin gerufen. Sie untersuchte Roberta mit dem Ultraschall und dann schüttelte sie nur den Kopf. Bis zu diesem Zeitpunkt sind für mich Ewigkeiten verflossen. Ich habe gebetet, habe gefleht, ich glaube ich hätte alles gegeben, einfach alles um eine positive Nachricht zu erhalten. Dem war nicht so. Liliana ist irgendwann zwischen Freitag und Samstag von uns gegangen. Wir waren völlig schockiert. Roberta hat nur noch geschrien und ich wusste nicht wie ich ihr beistehen konnte ausser sie zu halten. Es war grauenhaft. Trotz all diesem Leid, Schock und Unverständnis entschied Roberta Liliana normal zu gebären. Ich machte mir schreckliche Sorgen um Roberta. Was wenn ich sie nun auch noch verliere? Um 01 11 Uhr ist Liliana dann zur Welt gekommen. Roberta war supertapfer. Und ihr hättet diese kleine Mädchen sehen sollen! Sie war 49 cm lang und wog 2750 Gramm. Sie sah aus wie ein schlafender Engel. Sie sah so ruhig aus, als würde sie schlafen und sie war so vollkommen. Die Haare, die langen Finger, die kleinen Füsse. Ich konnte einfach nicht glauben das sie nicht mehr lebte. Warum? Im Krankenhaus war man sehr einfühlsam und behandelte uns sehr respektvoll. Wir konnten unsere kleine Tochter bis am Montag bei uns behalten um uns richtig von ihr zu verabschieden. Man verlegte uns auch von der Wöchnerinnenstation in eine andere Abteilung. Ich glaube das war das Beste was uns in dieser ganzen tragischen Geschichte passieren konnte. Zu Beginn hatte ich Mühe Liliana zu mir zu nehmen. Sie war so kalt. Mit der Zeit wurde das Gefühl immer besser und am Montag hatte ich Mühe sie in den kleinen weissen Sarg zu legen. Dann sind wir nach Hause gefahren. Wie schlimm war doch die Ankunft zu Hause. All die Babysachen, die Wiege, der Wickeltisch, das Mobile. Wir waren sehr sehr traurig. Am Donnerstag haben wir sie dann beerdigt. Es war eine wunderschöne Beerdigung und Ingo hat eine sehr schöne Rede gehalten. Roberta hat ein Gedicht vorgelesen und ich habe auch ein paar Worte gesprochen. Wir haben ein Buch mitgenommen, in das alle Beteiligten ein paar Zeilen hineinschreiben konnten. Fast alle haben diese Gelegenheit genutzt Liliana zu schreiben. In der Zwischenzeit sind fast vier Wochen vergangen und es kommt mir manchmal vor als wäre es erst gestern gewesen, manchmal aber auch wie ein Jahr. Ich weiss das Liliana eine Aufgabe hatte und das sie diese kurz vor Ihrer Ankunft auf dieser Welt erfüllt hat. Ich weiss auch das sie glücklich ist und das es ihr gut geht. Dafür sind wir sehr dankbar. Wenngleich es zu Beginn sehr schwierig war, so ist meine Liebe zu Roberta gewachsen und ich möchte mehr denn je ein Kind von ihr. Und heiraten möchte ich sie auch. Oder umgekehrt? Ich weiss es nicht und ich glaube es spielt auch gar keine Rolle. Nur wer den Tod seines eigenen Kindes erlebt und duchlebt hat (und noch immer durchlebt) der weiss, das die weltlichen Dinge eine ganz andere Betrachtungsweise erfahren...
 
Liebste Liliana, wir lieben Dich so sehr und werden Dich nie, niemals vergessen! Du bist immer bei uns und bleibst in unseren Herzen!
 
Enrico