Esthi

 

Gianluca’s Geschichte

 

Mein Mann Ivo, 35 Jahre und ich Esther, 33 Jahre haben uns vor ca. 2 ½  Jahren kennen- und lieben gelernt, sehr schnell war für uns klar, wir gehören zusammen. Und so haben wir nach nur ca. 2 Monaten bekannt gegeben, dass wir heiraten werden. Wir kamen beide aus Beziehungen, wo das Wort Kinder nie gefallen ist und irgendwie waren wir wohl beide nicht glücklich damit. Schnell war für uns klar, wir wollten Kinder haben. Und wenn es ein Junge werden sollte waren wir uns schon seit unserem ersten Gespräch einig, würde er Gianluca heissen. Zuerst aber wollten wir unsere Zweisamkeit noch ein bisschen geniessen.

 

Im April 2003 fuhren wir dann für 2 Wochen in den Urlaub auf die Malediven, ein ersehntes Traumziel von uns beiden, und da wir ca. 2 Jahre schon keinen richtigen Urlaub mehr hatten, genossen wir diese Zeit in vollen Zügen. Auf den Malediven fassten wir dann den Entschluss, dass ich nun meine Pille absetzte und wir es langsam angehen mit unserer Familienplanung. Braungebrannt und glücklich ging’s nach den zwei Ferien Wochen wieder los im Job, wir sind beide in höheren Positionen und waren schnell wieder in unserem Alltags-Stress. So merkte ich auch nicht, dass ich meine Menstruation nur noch schwach bekam und irgendwann gar nicht mehr, ich schob alles auf den Stress. Bis es mir an einem Dienstag im Juli wie Schuppen von den Augen viel, ich war mir sicher, dass ich schwanger bin. So habe ich heimlich auf der Toilette zu hause einen Test gemacht und der war positiv. Vor lauter Freude und Aufregung hab ich gleich noch einen Test gemacht und es war klar, ich war schwanger. Ich bin dann zu meinem Mann in den oberen Stock gegangen und hab ihm nur ganz leise gesagt „Hallo Papi“, da hat er mich ungläubig angeschaut und bis über beide Ohren gestrahlt. „Jetzt hab ich schon ein bisschen Freude“, dass waren seine Worte die er gestammelt hat.

Am nächsten Tag habe ich natürlich sofort einen Termin bei meinem Gyni ausgemacht und ca. 5 Tage später sass ich dann im Wartezimmer.

 

Ich war schon in der 8. Woche und konnte es kaum fassen, was ich da auf dem Ultraschall sah, mein kleines Würmchen. Es war alles in bester Ordnung und mit vollem Stolz nahm ich mein erstes Bild von unserem Schatz mit nach hause. Jvo hat glaub ich gar nicht richtig begriffen, dass es ein Bild von mir drinnen ist. Wir waren am letzten Wochenende extra in ein Shopping-Center gefahren, um ein Buch über die Schwangerschaft und die Geburt zu kaufen.

Mit dieser Lektüre wurde mir dann auch klar, weshalb ich immer so müde war am Abend und nach dem Arbeiten gleich eingeschlafen bin, wenn ich nur in die Nähe unseres Sofa’s kam.

 

Am Anfang meiner Schwangerschaft ging es mir eigentlich sehr gut, ausser auf die Müdigkeit hatte ich keine Beschwerden. Leider hatte ich im Job so einige Probleme, da mein Vorgesetzter nach einem Hirnschlag nicht mehr ganz im Vollbesitz seiner geistigen Kräfte war, hatten wir ständig Zoff, Differenzen und psychischen Stress von feinsten. Wenn alle auch immer erzählt haben, Schwangerschaft ist keine Krankheit und es sei die schönste Zeit in ihrem Leben gewesen, konnte ich diese Gefühle nie ganz nachvollziehen. Mein inneres ich sagte mir immer, pass auf, weiss auch nicht warum und so begann ich mich automatisch zu schonen. Beim zweiten Ultraschall im August 2003 sagte mir mein Gyni dann, ihr Kind ist extrem lebendig, dass werden Sie schon sehr bald spüren, ich konnte auch sehen das unser Zwerg von einer Seite auf die andere Seite hüpfte und sich nicht gerne „filmen“ liess. Ich war jedes Mal nach einen US völlig happy und beruhigt, auch die Bluttest die Aufschluss über ein Dow-Syndrom-Risiko ergeben, waren alle okay.

 

Um ein bisschen auszuspannen, habe ich mit einer sehr guten Freundin eine Woche Ferien auf Zypern gebucht, die wir anfangs September antreten wollten. Doch bevor wir abfliegen konnten, war doch ein riesen Schock. Ich wachte am Samstag morgen, ein Tag vor Abflug, auf und hatte so einen komischen Gefühl zwischen den Beinen. Mein Blick wanderte nach unten und da war Blut auf dem Bett. Ich versuchte mich nicht aufzuregen und ging ganz leise ohne meinen Mann zu wecken auf die Toilette und da ging wie ein Propf weg. Völlig geschockt, begann ich zu weinen und suchte unter Zittern die Nummer meines Gyni’s, ich erreichte ihn zu hause und bekam einen Termin gleich für 13.00 Uhr. Ich telefonierte dann mit meiner besten Freundin (meine Cousine) die Arztgehilfin ist und sie versuchte mich zu beruhigen. Ich war nur noch am heulen, weil ich so verunsichert war, durch die ganze Situation und meine Angst unser kleinen Zwerg zu verlieren so gross. Mein Mann erwachte dann und machte sich grosse Sorgen und fuhren wir zusammen zum Gyni. Ich hatte sehr grosse Angst vor dem US und konnte kaum hinschauen, aber so sah Jvo zum ersten Mal unseren Knirps und er war putzt munter, alles in Ordnung gemäss Gyni. Aber mein Gefühl sah anders aus, ich hatte grosse Angst und fühlte mich von meinem Gyni auch nicht unbedingt ernst genommen, da Sie gar nicht auf mein Satz einging, dass ein Propf abgegangen war und das machte mich unsicher. Sie bestätigte mir dann noch, dass ich sicher in die Ferien fahren könne, auch fliegen sei kein Problem und ich sollte mich in den Ferien einfach nur schonen, was wahrscheinlich im Urlaub wesentlich einfacher sei als zu hause. Sie schrieb mich dann noch für eine Woche krank. Ich muss noch sagen, dass sie nur die Stellvertretung meines eigentlichen Gyni’s war und das dieser dann nach meinen Ferien wieder da sein werde und ich mich von ihm nochmals gründlich anschauen lassen soll.

 

So fuhren wir wieder nach hause, doch von diesem Tag an, war ich nicht mehr unbeschwert und locker und hatte innerlich grosse Angst um unser Baby. Ich habe mir auch überlegt den Urlaub abzusagen, da ich grosse Angst hatte, das etwas passieren könnte. Doch Jvo fand, dass es besser für mich wäre, weg von der ganzen Misere mit meinen Job zu kommen und meine Gedanken mal ordnen könne. Und so machten wir uns auf in die Ferien. Die ersten drei Tag hatte ich immer noch leichte Blutungen, doch sagte man mir nach einem Telefon mit der Praxis, dass sei kein Grund zur Beunruhigung. So genossen Melanie und ich die Ferien in Zypern, lagen den ganzen Tag am Strand, ich unter dem Sonnenschirm mit viel Wasser und Früchten und sie an der Sonne. Ich genoss die Zeit und sprach viel mit unserem Baby und streichelte meinen Bauch und liess es mir gut gehen. Handy sei dank, telefonierten Jvo und ich jeden Tag mindestens zweimal, da er sehr besorgt war um uns zwei.

 

So kamen wir braungebrannt, erholt und munter von unseren Ferien nach hause. Ich ging dann wieder zu meinem Arzt und meinte, dass ich wohl noch zwei Wochen zu hause bleiben sollte um mich zu schonen. Das tat ich dann auch, ich las viel in meinem Schwangerschafts-

Buch und auch sonst über alles mögliche. In dem Buch gab es auch einen Abschnitt über Totgeburten, den las ich zwar, doch stand da, das von 1000 Geburten nur 8 mit Totgeburt enden und so war für mich natürlich klar, dass das mir nicht passieren konnte…Ich sprach jeden Tag mit meinem kleinen Knirps und langsam wollte ich auch wissen was für ein Geschlecht es war. Weil wir immer von Gianluca sprachen, dachte ich mir und was ist wenn es ein Mädchen ist, dann heissen wir es ja gar nicht herzlich willkommen. Und so kam Jvo beim nächsten US mit und wir konnten ganz klar sehen, dass es unser Gianluca ist. Gianluca war immer sehr lebendig beim US und wir waren jedes Mal zu Tränen gerührt, doch komischer weise bewegte er sich sonst nicht sehr heftig oder halt nicht so oft, wie man es sich vorstellt. Jedenfalls gab das Umfeld immer wieder so geniale Tipps und weil ich das erste Mal schwanger war, ist man ja auch so verunsichert und denkt dann immer, es sind schon Millionen von anderen Frauen schwanger gewesen, dann wirst du das ganze doch auch schaffen….hätte ich gewusst was mir passiert, hätte ich viel mehr auf meine eigene Intuition geachtet….aber eben nacher ist man immer schlauer….

 

Ich wurde auf 50% Arbeitsfähigkeit herunter geschrieben ab ca. 17 SW und weil mein Arzt das Gefühl hatte, das ich zu fest unter Stress stand. Ich muss erklären, dass ich bevor ich schwanger geworden bin, immer einen ca. 12 -15 Std. Arbeitstag gehabt habe, meistens ohne Mittagspause etc. Mein Arzt wollte damit verhindern, dass ich das auch weiterhin so mache und hat mich deshalb 50% krank geschrieben. Von diesem Tage an bin ich auch wirklich nach 4.25 Std. nach hause gegangen und meistens gleich auf dem Sofa für ca. 1.5 Std. eingeschlafen. Ich brauchte diese Ruhe. Doch mit meiner Schwangerschaft war wahrscheinlich das ganze Management nicht einverstanden, weil mir die ganze Zeit so kleine Vorhaltungen gemacht wurden. Da ein bisschen gepicksat, dort ein bisschen gemobbt. Aber das schlimmste für mich war mein direkter Vorgesetzter, mit dem ich schon 15 Jahre zusammen gearbeitet habe. Er hat nach einem Hirnschlag seine Form nie wieder ganz erreicht und das schlimmste war, er gab an einem Tag eine Anweisung und am nächsten Tag eine andere und konnte sich nicht mehr daran erinnern dies jemals gesagt zu haben. Da begannen für mich natürlich auch Selbstzweifel und ich war sehr oft traurig und aggressiv, weil ich einfach nicht begreifen konnte, wie ein Mensch sich so ändern kann. Früher war er für mich wie ein Vater und irgendwann wurde er zu meinen grössten Feind. Instinktiv ging ich ihm aus dem Weg, weil ich mein Baby nicht so schlechten Stimmungen aussetzen wollte. Bei mir hiess es natürlich seit sie schwanger ist, ist sie ganz anders, aber ich habe immer gesagt, ich ertrage einfach null Ungerechtigkeit und sitze nicht mehr auf meinen Mund. Fakt ist, ich fühlte mich weniger wohl, ausser das meine Mitarbeiter sonst sehr einfühlsam waren und wir es untereinander immer lustig hatten.

 

Sicher habe ich mir während der Schwangerschaft auch Gedanken gemacht, wie es weitergehen soll. Ich war ja nun wirklich seit meinem 16 Lebensjahr immer am arbeiten und konnte mir nicht ganz vorstellen wie es dann sein werde immer nur noch zu hause zu sein, aber für mich war klar, ich will keine Teilzeit-Mutter sein und mich mindestens in den ersten 4 bis 5 Jahren um unseren Nachwuchs 100% kümmern. Trotzdem war es noch schwierig mir das ganze vorzustellen. Doch ich bin ein Kindernarr seit ich denken kann und habe zwei Mädchen praktisch miterzogen, als ich mit 7 Jahren angefangen habe diese zwei täglich nach der Schule zu hüten. Deshalb weiss ich, dass ich eine gute Mutter sein werde und ich freute mich auf die neue Aufgabe.

 

So gingen die Monate dahin, mal ging es mir gut, mal nicht so. Immer Nachmittags hielt ich einen kleinen Mittagschlaf und begann dann ein bisschen zu haushalten, das Kinderzimmer einzurichten, zu lesen und manchmal auch fern zu sehen. Und eines Tages zappte ich so durch Nachmittagsprogramm und landete bei der Talkshow von Jürgen Fliege auf ARD. Das Thema war Totgeburt und irgendwie blieb ich da hängen, mir tat die Frau die ihre Geschichte erzählte unsäglich leid und ich hörte aufmerksam zu. Irgendwie war ich interessiert und irgendwie wollte ich aber auch nicht zu hören, weil ich es als schlechtes Omen war nahm. Trotzdem blieb ich dann da hängen und hörte ihr zu wie und was sie erzählte. Diese Frau hat das ganze zweimal hintereinander erlebt und ich war schockiert. Schnell vergessen, war danach meine Devise. Aber etwas bleibt oder blieb halt doch hängen, vielleicht war es auch gut so.

 

Eine Bekannte von mir hat ihr Baby im achten Monat ebenfalls Totgeboren und hatte daher noch eine ganze Kinderzimmer Einrichtung die sie mir verkaufen wollte, doch ich konnte es nicht, da für mich wie ein schlechtes Omen auf diesen Möbeln haftete…ich konnte ja nicht wissen, das mir das gleichen passieren würde….

 

Es rückte dann Weihnachten und Silvester näher und ich wurde immer runder, hatte unterzwischen schon ca. 10 Kilo zugenommen und fühlte mich wie eine Tonne, mein Gesicht, strahlte nicht, wie üblicherweise bei Schwangeren und auch sonst veränderte ich mich irgendwie merkwürdig im aussehen, jedenfalls erschien es mir so und das machte mir Sorgen, nicht wegen mir, aber irgendwie spürte ich das etwas nicht in Ordnung war. Wir verbrachten die Festtage mit den üblichen Familienfeiern hinter uns und stiessen auf ein neues, interessantes 2004 an und freuten uns bald zu dritt zu sein.  

 

Wie konnten wir auch ahnen, dass es anders kommen sollte.

 

Bei meinem nächsten Gyni Besuch am 9. Januar 2004, war kein US nötig aber zumindest die Herztöne abhören, doch auch das tat mein Gyni nicht. Er erklärte mir mit vorwurfsvoller Stimme das mein Blutdruck zu hoch sei und ich nun Tabletten nehmen solle. Ausserdem werde er mir noch ein 24Std.-Blutdruck-Messgeräte anhängen und diese Gerät müsste ich dann am Montag wieder in Praxis bringen zur Auswertung. Und ausserdem, ihr Baby ist ein bisschen zu klein für die 32 SSW und das wars.

 

Irgendwie beunruhigt ging ich nach hause und war total ausser mir, wieso habe ich nicht mehr gefragt, wieso kann er mich einfach so ziehen lassen, wieso hat er die Herztöne nicht angehört? Die folgenden 24 Std. waren für mich ein Horror, ich sollte einerseits ruhig bleiben und andererseits sah ich auf dem Messgerät Blutdruckwerte von 200/140 und solche Sachen. Dieses Wochenende war wohl das überhaupt katastrophalste der ganzen Zeit. Am Montag ging ich dann wieder zum Arzt und er sagte mir, dass der Blutdruck viel zu hoch sei, dass ich halt zu dick sei und und und….Fakt war ab sofort nicht mehr arbeiten und nur noch liegen!

 

So ging ich nach Hause und war vom 13. Januar 2004 an zu hause. Eigentlich ging es mir nicht schlecht, aber ich hatte grosse Angst und hab immer und immer wieder gelesen, das bei so hohem Blutdruck grosse Gefahr besteht, mit den Tabletten war er ein bisschen runtergekommen und ausserdem rieten mir alle Bekannten, Freunde und Verwandten. Das geht schon gut, nur keine Panik und denk positiv….hätte ich doch nur auf mich gehört, ich hab irgendwie gespürt, dass es nicht gut kommt.

 

Am Sonntag dem 18. Januar 2004 waren wir dann bei Freunden zum Essen eingeladen, auch Sie war in diesem Moment schwanger, zwar erst in Woche 10 oder so…aber sie hat mir Dinge erzählt, die mein Arzt bei mir noch  nie gecheckt hatte, da kamen bei mir Fragen hoch. An diesem Abend spürte ich auch Gianluca nicht mehr wirklich und so gingen wir früh nach hause und legten und schlafen….In dieser Nacht ist Gianluca in meinem Bauch gestorben, dass hab ich zwar erst im Nachhinein festgestellt, aber heute weiss ich es. Ich bin erwacht um ca. 02.00 Uhr und mein Bauch war eine Riesen-Beule, völlig verformt und er stand wie von meinem Körper ab.

 

Am Montag spürte ich schon keine Bewegungen mehr, aber dachte mir, kann ja mal sein und am Dienstag ging ich dann ganz ganz früh schlafen, wir hatten noch Besuch, doch liess ich Jvo mit diesem alleine und sagte ich müsse ins Bett. Innerlich hab ich mich wahrscheinlich schon darauf vorbereitet was kommen wird.

 

Mittwoch, 21. Januar 2004, ich bin erst um ca. 09.30 Uhr aufgestanden und habe mir ein Frühstück zubereitet (mache ich sonst nie) und bin Duschen gegangen. Um 11.00 Uhr hab ich dann mal Susy angerufen und ihr gesagt, dass ich ein komisches Gefühl habe. Jvo wollte ich noch nicht informieren, vielleicht bin ich ja hysterisch. Ein langer Kampf mit mir selber begann bis ich den Arzt dann anrief. Leider was es mittlerweile schon Mittag und natürlich antwortete mir niemand. Ich fuhr dann einfach los um 13.30 Uhr weil es eine halbe Stunde dauert bis ich bei meinem Arzt bin, von unterwegs hab ich angerufen und gesagt, dass mein Baby sich nicht mehr bewegt und ich habe einen Termin bekommen ca. 1 ¼ Std. später. Da ich zu früh da war, schaute ich noch schnell bei meinen Eltern vorbei und die versuchten mich zu beruhigen, aber innerlich wusste ich, Gianluca lebt nicht mehr.

 

Mit einer komischen inneren Ruhe ging ich dann zum Arzt und musste natürlich noch fast eine halbe Stunde warten, bis ich dann endlich ins Untersuchungszimmer gebeten wurde. Ich sagte nur ganz knapp, mein Baby bewegt sich nicht mehr. Schweigend gingen mein Arzt und ich in den US-Raum und er begann zu suchen, ich wusste es schon, Gianluca war tot. Wie aus der Ferne vernahm ich die Worte von meinem Arzt „ Sie sind eine arme Frau, ihr Kind ist tot“. Ich zog mich wie in Trance an und mein Arzt sagte dann zu mir, sie müssen ins Krankenhaus, können Sie in zwei Stunden dort sein. Das war alles, er wünschte mir viel Glück und liess mich einfach gehen, alleine, ohne zu Fragen ob er jemanden anrufen solle oder so….

 

Ich stand auf dem Parkplatz vor der Arztpraxis und wusste nicht mehr was ich denken sollte, begriff nicht wirklich was geschehen war und versuchte Jvo zu erreichen, Fehlanzeige, Natel hat er nicht abgenommen und im Büro meldete sich seine Sekretärin. Ich musste es jemandem sagen und so rief ich meine Eltern an, ich konnte noch nicht weinen, mein Mami heulte sofort los und sagte mir, dass Papi und sie mich abholen kommen und ich nach Hause begleiten. Dann rief ich Susy an, und ich weiss heute nicht was ich sagte, ich weiss nur das wir beide nur losheulten. Dann versuchte ich es abermals bei Jvo, er nahm das Handy nun ab, aber war immer noch in einer Besprechung und so bekam er gar nicht mit was los war….er rief mich dann zwei Minuten später zurück und nun konnte ich losheulen ich sagte zu ihm „Gianluca ist tot“ mehr brachte ich nicht heraus…Jvo war geschockt und überrumpelt, ich war wenigstens ein bisschen vorbereitet, doch er bekam wie eine Faust ins Gesicht. Er sagte, dass er nach Hause fahre und auf mich warte.

 

Mami und Papi kamen dann und wir heulten und heulten, Mami fuhr mich und Papi mit meinem Auto hinterher. Ich kann mich an die Fahrt nicht mehr errinnern, nur ans nach Hause kommen, wo Jvo schon heulend vor der Tür wartete. Wir hielten uns lange in den Armen und weinten und weinten. Jvo hatte schon fast alles für mich gepackt und tigerte in der Wohnung herum….ich war leer und wie ferngesteuert, was kam wohl alles auf mich zu. Hass auf meinen Gynäkologen, Wut auf mich, Trauer um Gianluca….ANGST….

 

So fuhren wir los in Krankenhaus und hatten keine Ahnung, oder besser, verdrängten was da auf uns zukommen würde….doch die Geschichte ging auch da noch weiter…im Spital angekommen wurde mir gesagt, dass ich nicht angemeldet sei, was ich den hätte? Das war für mich einer der schlimmsten Momente, ich musste zum erstenmal einer fremden Person sagen, dass Gianluca in meinem Bauch gestorben sei…dann musste ich zur Notaufnahme und dort nochmals erzählen, was, warum und wieso…ich habe dann meinen Gyni angerufen und im gesagt dass ich nicht angemeldet bin und er sagte nur; oh, da ich was verwechselt…ich hätte ihn in diesem Moment erwürgen können…und habe gesagt, dass er sofort den Bericht in dieses Krankenhaus senden solle und das ich keinen Schritt mehr aus diesem Gebäude machen werde….

 

Nach all den Formalitäten wurden wir dann in die Gebärabteilung geschickt und mussten vor der Türe mit den Störchen und Baby-Bildern warten, ich dachte immer nur, ich gehöre hier nicht hin, das ist ein Ort der Freude und ich will da nicht rein, mein Gianluca ist tot….

 

Wir wurden dann von einer sehr freundlichen und sympathischen Hebamme in ein Zimmer geführt und dort erklärte sie uns dann, was nun geschehen werde und das war dann der grosse Schock für Jvo, er hat gedacht, dass man ein Kaiserschnitt macht und ich das ganze nicht mitkriege etc. doch wurde mir zu einer „natürlichen“ Geburt geraten, was natürlich in diesem Fall paradox klingt. Sie haben uns dann auch gesagt, dass wir nach Hause gehen könnten und erst morgen wieder kommen könnten um das ganze zu setzen. Doch ich wollte nicht mehr nach Hause, ich wollte Gianluca sehen und hätte es zu Hause nicht ausgehalten…..

 

So wurde ich nochmals untersucht, es wurde mir mit Ach und Krach eine Infusion gelegt und dann ging es mit Wehenauslösenden Tabletten los, Jvo war die ganze Zeit bei mir und Susy kam dann zur Unterstützung auch noch. So sind wir den Gang rauf und runter spaziert und wir hatten Glück, dass keine andere Gebärende im Krankenhaus lag, so hatte ich die ganze Abteilung für mich und konnte tun und lassen was ich wollte. Jvo ging dann zu seinen Eltern um sie zu informieren und Susy ging mit mir auf und ab bis um 01.00 Uhr und dann kam Jvo und blieb bis 03.00 Uhr, ich hatte schon Wehen, aber noch nicht so stark…

 

Ich schickte dann Jvo nach Hause, damit er ein bisschen schlafen konnte und ich lag lange wach und schaute in die Nacht hinaus, ich konnte noch immer nicht glauben was ablief, irgendwie hoffte ich immer, nur zu träumen, doch dem war nicht so….um 07.00 Uhr wurde ich dann geweckt und von einer neuen Hebamme begrüsst, sie war mir von Anfang an sympathisch und ich hatte grosses Vertrauen in sie, warum kann ich nicht sagen…Ich ging dann noch duschen und plötzlich gings los…

 

Um 08.00 Uhr rief ich Jvo an und sagte ihm das es los gehe, eine halbe Stunde später war er da, und dann weiss ich nur noch, dass ich mich innerlich von Gianluca gelöst habe und ihm gesagt, habe das ich ihn gehe lasse und dann war er da um 10.43 Uhr am Donnerstag 22. Januar 2004, unser Gianluca 40 cm und nur 1460 gr. schwer, mit meiner Nase und Jvo’s Mund, ganz viele blonde Haare mit kleinen Löckchen, so wie ich sie als Kind gehabt habe…ich war so stolz und glückliche, ja glücklich, dass ich meinen kleinen Sohn im Arm halten durfte und anschauen konnte, ich konnte nicht weinen, ich habe gemerkt, dass es Jvo viel viel schlechter geht als mir und war ich stark für uns beide, ich wusste das dies in nächster Zeit immer wieder ändern würde und so war ich momentan die Stärkere…Jvo hat Gianluca ganz lange in seinen Armen gehalten und einfach nur geweint und geweint, ich konnte nicht weinen, hatte wahrscheinlich zu viele Schmerzmittel erhalten….

 

Meine Eltern kamen etwas später und haben uns versucht zu trösten, es war schön das sie da waren, doch trösten kann einem in diesem Moment wohl gar nichts. Sie haben Gianluca nicht gesehen, weil ich das Ihnen überlassen wollte. Heute würde ich es anders machen.

 

Jvo ging dann um ca. 17.00 Uhr zu guten Freunden zum essen und ich wollte nur noch schlafen und wurde dann in eine andere Abteilung in ein Einzelzimmer verlegt, was ich sehr positiv fand, damit mich niemand fragen konnte was passiert ist…Mein Bruder hat noch angerufen und meine Schwiegereltern waren noch da, ich war die ganze Zeit gefasst und ruhig und schlief schliesslich ziemlich früh ein…

 

Als ich dann erwachte um ca. 05.00 Uhr kam mein Zusammenbruch, ich weinte und weinte und konnte es einfach nicht fassen. Ich wollte nur noch nach Hause zu Jvo, in meine gewohnte Umgebung und mein Nest, ich wollte nur noch raus aus dem Krankenhaus und Jvo holte mich am morgen ab und wir konnten uns in aller Stille nochmals von ihm verabschieden und haben ihm verschiedene Dinge mitgegeben….Wir waren uns einig, dass wir eine Obduktion von Gianluca machen wollten, damit wir wussten, ob eine nächste Schwangerschaft überhaupt noch möglich sei….

 

Gianluca wurde kremiert und ist bei uns im Dorf in einem Gemeinschaftsgrab in aller Stille beigesetzt worden, ich besuche das Grab eher selten, denn Gianluca ist immer bei mir und ich brauche keinen Grabstein als Erinnerung, er ist in meinem Herzen eingebrannt. Wir haben für Gianluca einen Stern getauft und der scheint für uns nun für immer vom Himmel.

 

Es ist schwer, dieses Schicksal anzunehmen und manchmal so wie jetzt in der Weihnachtszeit ist es schwierig, doch wir hoffen, dass Gianluca irgendwann mal ein Geschwisterchen bekommt.

 

LEBEN IST DAS WAS PASSIERT, WENN MAN GERADE ANDERE PLÄNE MACHT !

 

Dieser Satz ist mein Leitsatz geworden und ich habe mit Hilfe der Interapy (Therapie via Internet) eine sehr gute Verarbeitung machen können.

 

Wir wünschen Euch allen viel Glück und sind mit Euch allen Engelskinder-Eltern.

 

Esthi und Jvo mit Gianluca im Herzen