Gisela

 

Gisela

Genau vor 3 Wochen hat sich mein Leben schlagartig geändert. Schon oft habe ich angefangen, meine Gedanken  auf Deiner Seite auf die Reihe zu bringen, habe sie aber immer wieder gelöscht. Nun nehme ich wieder einen Anlauf.

Ich war in der 24. SSW. Ein Nachzüglerli sollte es werden. Meine beiden Töchter sind 9 und 11 ½ Jahre alt und freuten sich wahnsinnig. Ich war gerade im Coop am Einkaufen, der Kühlschrank war wie immer ziemlich leer am Montag. Doch plötzlich spürte ich, wie das Fruchtwasser lief. Zuerst als es wenig war, dachte ich, vielleicht ist ja was mit meiner Blase. Doch an der Kasse wurde ich eines Besseren belehrt. Schnell fuhr ich mit dem Velo noch nach Hause. Mein Mann war ziemlich schnell zu Hause und brachte mich ins Krankenhaus. Unter Schock realisierte ich nicht so ganz dass es ziemlich ernst aussah. Ich stellte mich schnell auf ein langes Liegen ein…..Ich wurde untersucht. Der Muttermund war geschlossen, das war ja schon mal gut. Trotzdem wollten sie mich nach Zürich bringen. Mit der Rega! Ich habe einen Horror vor Helikoptern. Also der 2. Schock. Es ging nicht anders. So wurde ich über die Mittagszeit nach Zürich ins Unispital geflogen, ohne meinen Mann. Es folgten Untersuchungen und Untersuchungen, Medis und natürlich die Lungenreife. Unser Kleines strampelte nicht mehr so stark, da ja nicht mehr so viel Fruchtwasser vorhanden war. Ich sprach viel mit unserem Kleinen, bettelte es solle kämpfen, es solle doch bitte noch bleiben, ein paar Wochen nur. Die Nacht verlief relativ ruhig. Am nächsten Morgen stand ich kurz auf um die Zähne zu putzen und ich fing an zu frieren. Immer mehr, ich schlotterte regelrecht. Innert Minuten bekam ich 40° Fieber. Ich bekam weitere Medikamente und wurde wieder auf die Gebärabteilung verlegt. Nach dem Mittag kam mein Mann hinzu und es wurde besprochen, wie es weitergehen sollte, falls das Baby kommen wollte. Ich wusste bis anhin hin, ob es ein Junge oder Mädchen sein würde. Wir wollten nicht auf Biegen und Brechen ums Überleben kämpfen, schon, aber nur wenn es auch wollte. Die Ärzte und Hebammen teilten uns mit, mit welchen Chancen wir zu rechnen haben, eigentlich nicht sehr grosse. Trotzdem gebe es immer Hoffnung. Es wurde wieder ruhig, auch mein Fieber senkte sich ziemlich schnell mit den Medikamenten. Mein Mann fuhr wieder zu unseren Mädchen nach Hause, 1 Stunde Fahrzeit. Der Nachmittag verging nur sehr langsam, und allmählich verspürte ich leichte Wehen. Wieder folgten lange Untersuchungen und den Ärzten verging das Lächeln. Kaum war mein Mann zu Hause angekommen, fuhr er gleich wieder los Richtung Zürich. Es wurde ein Notkaiserschnitt auf halb 7 Uhr geplant. Jetzt langsam fing ich an zu begreifen, dass es zu Ende ging. Die Tränen hörten nicht mehr auf zu fliessen, und so fragte ich meine Frauenärztin von zu Hause nach dem Geschlecht unseres kleinen Schatzes. Ein Mädchen, unsere Tiziana!!!! Von Klein auf wollte ich immer 3 Mädchen. Sollte mein Traum einfach so zerplatzen? Nun sprach ich anders mit Tiziana. Ich bettelte nicht mehr um ihr Überleben, sagte ihr einfach, dass ich ihr die Entscheidung überlasse, ob sie mit uns oder mit den anderen Engeln gehen möchte. Dass wir es zusammen schaffen würden, wenn sie bleiben möchte, aber dass ich sie auch gehen lassen würde, fass sie es so möchte….Es wurde 18.15 Uhr. Ich wurde vorbereitet auf den Kaiserschnitt. Ganz pünktlich kam auch wieder mein Mann dazu. Er beruhigte mich und war einfach für mich da. Abnabeln…. Hörte ich sagen, doch wo blieb das Weinen? Ich verstand schon. Wir wurden wieder ins Zimmer gebracht. Mit uns unsere Tiziana, sie atmet ganz zaghaft, ihr kleines Herzchen schlägt zaghaft, aber sie darf uns noch spüren, und wir sie. Ein Schmerz erfüllt uns. Wir sind fast gelähmt davon. Tiziana ist 30 cm und 770 Gramm. Um 20 Uhr ist sie in unseren Armen eingeschlafen. Mit ihr auch mein Lachen, hoffe jedoch nur für den Moment. Sie war so süss, alles war dran, sogar schwarze Härchen hatte sie, einfach viel zu früh geboren. Die folgende Nacht war lang und einsam. Am nächsten Nachmittag kamen unsere Mädchen auch in den Spital. Zusammen durften wir im Begegnungsraum Abschied nehmen von Tiziana. Sie war eingebettet in einem gelben Nuschi, hatte ein Käppchen an. Die Kerzen dufteten und sie schien zu lächeln in ihrem Bettchen, soweit ich das durch die Tränen sehen konnte. Wir konnten sie streicheln, mit ihr reden und wir weinten einfach alle vier. Die Mädchen leiden. Und wir auch. Am Donnerstag sagten wir ihr das letzte mal adieu und ich durfte nach Hause. Eine Woche nach dem Blasensprung wurde sie kremiert. Nun haben wir Tiziana bei uns zu Hause in einer hölzernen kleinen Urne mit ihrem Namen eingraviert. Wir haben ihr ein Plätzchen eingerichtet, es brennt meistens eine Kerze und auf dem Foto „lächelt“ sie immer noch. Unsere Tränen fliessen, und ich muss kämpfen, dass ich einigermassen stark bin für unsere anderen Töchter. Doch es ist schwer. Und ich habe angst auf den Sommer, auf den Geburtstermin. Doch ich sollte nicht mehr planen, sondern eigentlich bin ich froh, wenn ein Tag nach dem anderen einigermassen gut vorübergeht. Mein Halt sind unsere 2 Mädchen, die geben mir Mut und hoffentlich auch bald wieder ein richtiges Lachen. Es hat uns zusammengeschweist, uns vier. Und ich bin überzeugt, dass im Leben nichts einfach nur so ist, dass alles seinen Grund haben wird. Wer weiss, vielleicht erfahren wir einmal für was das hatte sein sollen. Ein einziger Trost bleibt uns: Wir sind nie allein, denn ein neuer Schutzengel heisst seit dem 8.April Tiziana und passt auf uns auf, und wird auf Lebzeiten in unserem Herzen sein.