Judith

Erlebnis von Judith

Auch ich habe mein erstes Kind vier Stunden nach der Geburt verloren.
Ich war im siebenten Schwangerschaftsmonat, es kam für mich völlig unerwartet. Mein Kind kam an einem wirklich grauen Tag im Februar zur Welt, es wurde sofort von mir weggenommen, ich habe mein Kind weder> gesehen noch gehört. Ich habe wochenlang überhaupt nicht begriffen, was geschehen war, und die schlimmste Erfahrung war, dass sich die Welt einfach weitergedreht hat, der Himmel war immer noch grau oder blau, die Blumen waren immer noch rot oder gelb, aber diese Farben waren nie wieder dieselben. Ich habe erst Wochen später nach meinem Kind gefragt, mein Mann hatte es der städtischen Bestattung übergeben, einfach so. Ich habe kein Grab an dem ich trauern kann, und es ist mir auch sonst nichts geblieben. Ich habe später noch zwei weitere gesunde Kinder zur Welt gebracht, die mir viel Freude machen, aber zu mir selber habe ich nicht mehr wirklich zurückgefunden. Ich bin beruflich erfolgreich, ich kann heute alles überstehen, es gibt nichts mehr was mir noch etwas anhaben kann, aber das ist nur nach außen hin, irgendwie bin ich mit meinem verstorbenen Sohn allein geblieben, kein Mensch will über ein solches Thema reden. Ich bewältige mein Leben ganz gut, aber ganz gut wird es wohl nie wieder werden. Meine Ehe war eigentlich mit dem Tod meines Sohnes am Ende, ich habe sie trotzdem vierundzwanzig Jahre lang aufrechterhalten, das hatte viele Gründe, und es wäre eigentlich sinnlos darüber zu reden. Ich denke nicht ständig an mein totes Kind, aber immer dann, wenn im Leben irgendwelche Schwierigkeiten auftauchen, dann ist es, als ob das alles eben erst geschehen wäre. Ich war die Mutter eines Kindes, aber ich durfte das auch nicht einen Augenblick lang sein, ich hätte mein Kind gerne einmal gesehen oder berührt, aber ich hatte diese Chance nie. Mein zweiter Sohn hat vor zwei Monaten geheiratet, und auch das war wieder so ein Augenblick, wo ich mir wieder einmal, wie so oft im Leben, die Frage gestellt habe, was wäre wohl aus meinem ersten Sohn geworden, wie würde er aussehen, was wäre wenn. Ich denke, das wird nie aufhören, genausowenig wie ich mir immer wieder die Frage stellen werde, was hätte ich tun können, was hätte ich anders machen können, wie hätte ich es verhindern können, und die Antwort wird immer die gleiche sein, es war nicht zu ändern. Aber wie sollten wir das begreifen, es gibt doch wirklich nichts widersprüchlicheres, Kinder die geboren werden um zu sterben, wer sollte oder könnte das je begreifen, und trotzdem müssen wir damit leben. Ob es je wirklich eine Antwort gibt, die das alles gegreiflich macht, wer weiß. Mein Sohn Philipp wurde am 15. Februar 1977 um 8.25 Uhr in Wien geboren, er war 1200 g schwer und 40 cm groß, am 15. Februar 1977 um 12.05 Uhr war sein Leben auch schon wieder zu Ende, und ich habe ihn unendlich lieb, auf eine ganz besondere Weise, aber das verstehen wohl nur Menschen, die eine solche Tragödie auch erlebt haben. Ich wünsche Dir und allen betroffenen Menschen die Kraft ins Leben zurückzufinden und neu anzufangen, und das geht auch. Der Schmerz wird nie ganz aufhören, aber das soll wohl auch gar nicht sein. Wie traurig wäre es, wenn wir unsere Kinder irgendwann ganz einfach vergessen würden. Ich kann hier natürlich meine Gefühle oder Gedanken nur sehr verkürzt wiedergeben, aber wenn jemand mit mir Kontakt aufnehmen möchte, ich würde mich freuen. Alles Gute für Euch

Judith