Manuela

 

Meine Geschichte 

 

Manuela Marolf

 

Nach einem One-Night-Stand im Februar 2001 mit einem Arbeitskollegen merkte ich eine Woche später, dass ich laut Zyklus schwanger sein könnte. Also übte ich mich in Geduld ( was absolut nicht meine Stärke ist J) und machte zwei Wochen später den SS-Test. Und siehe da, zwei rote Striche. Ich ging damals am nächsten Tag zu meiner Chefin und erzählte ihr, dass ich schwanger bin. Meine Mutter und meine Schwester waren alles andere als erfreut, konnten es aber irgendwie akzeptieren. Am Wochenende darauf fuhr ich zu meiner Schwester um meine Nichte, die auch mein Patenkind ist,  zu besuchen. Mein Schwager war so Feuer und Flamme, dass er kurzerhand einen Arbeitskollegen wegen einem Kinderbett kontaktierte. Meine Schwester und ich gingen in ein Babygeschäft und ich kaufte mir schnusige Finkli und eine Elvis-Baby-Schlaf-CD. Mit den Finkli, der CD und einem intakten Babybett fuhr ich nach Hause.

Am nächsten Morgen der Schock, BLUT ( ich war in der 7. SSW). Also auf’s WC und dann kam ein kleiner Blutklumpen und ich wusste, das ist mein Kind. Ich habe weinend meinen Hausarzt angerufen und bekam gleich einen Termin in einer halben Stunde. Noch nie ist mir das Warten in einem Arztzimmer so schwer gefallen. Er machte einen Ultraschall und sagte, dass die Frucht weg ist. Das passiere halt mal, und bei der ersten SS sowieso am ehesten. Mit dem Auto fuhr ich, wie im Nebel nach Hause und rief  meine Chefin an, weil ich Spätschicht im Hotel gehabt hätte und ich einfach nicht fähig war zu arbeiten. Sie war sehr verständnisvoll und meinte, ich könne auch ein paar Tage freihaben. Ich sagte, ich stehe am nächsten Tag wieder am Empfang, das würde mich ablenken.

Ich habe meine Mutter angerufen und meine Schwester und die fanden es irgendwie gar nicht so schlimm, im Gegenteil, ich hörte ihre Steine direkt vom Herzen plumpsen. Mir half das gar nicht, im Gegenteil, ich habe an diesem Tag solange geweint, bis keine Tränen mehr kamen.

Am nächsten Tag ging ich wieder arbeiten und es war so toll. Irgendwie war durchgesickert, dass ich schwanger war, auf jeden Fall wusste die ganze Belegschaft Bescheid und alle haben mir gratuliert. Und ich konnte allen sagen, dass ich das Baby am vergangenen Tag verloren hatte. Aus Schutz für mich und meinen Kollegen habe ich niemandem verraten, wer der Vater war. Meinem Kollegen habe ich dann einen Tag später erzählt, dass er Vater geworden wäre. Er hat es ganz locker aufgenommen und zuerst gefragt wie es mir ginge. Er machte sich wirklich Sorgen um mich, das hat mir enorm gut getan.

Dann fingen die Monate der Trauer an. Ich verlor innerhalb von einem Monat über 15 kg an Körpergewicht ( da ich übergewichtig bin, ist das nicht so ein Problem). Ich habe den ganzen Tag nur noch ein Joghurt und sonst nichts mehr gegessen. Ich vermisste mein Kind so sehr. Einen Monat nach der FG erzählte mir meine Schwester, dass sie schwanger sei. Irgendwie freute ich mich für sie, aber innerlich zerriss es mich fast vor Schmerz. Es war sehr schwer für mich, dies zu verstehen. Warum sie und nicht ich? Im Juli stand dann noch die Hochzeit meines jüngsten Bruders (wir sind drei, ich bin die älteste) an. Ich sagte mir an diesem Tag, egal was passiert ist, ich geniesse einfach diesen Anlass in vollen Zügen und es gelang mir auch. Ich konnte die Hochzeit meines Bruders richtig geniessen. Zum ersten Mal seit Wochen hatte ich an diesem Tag nicht mehr an die FG gedacht. Ich entschloss mich an diesem Tag auch meine Stelle als Empfangsdame zu kündigen und das habe ich am nächsten Tag auch gemacht. Ich merkte, dass es an der Zeit war für einen Neuanfang aber auch einen Anfang um mehr über mich selber zu erfahren. Nach der Kündigung beim Job, folgte die Kündigung meiner Wohnung und ich war daran alle Brücken für eine Zeit von einem Jahr abzubauen.

Und dann passierte etwas völlig unvorhersehbares. Ich verliebte mich in meinen jetzigen Mann. Wir haben uns innerhalb von zwei Wochen verlobt und wussten, dass wir für immer zusammengehören.

Ende November kam dann meine zweite Nichte zur Welt. Kurz habe ich wieder an meinen Engel gedacht und mir überlegt, wie alt dieser jetzt wäre, aber ansonsten ging es mir sehr gut.  Unser Standesamtstermin stand für das kommende Jahr fest und ich war so glücklich, endlich den Mann meines Lebens gefunden zu haben. Nach etwa sechs Monaten kehrte die Leere von der FG wieder zurück ( es war ziemlich genau ein Jahr her). Ich hatte das Gefühl, ohne ein Baby wäre ich keine richtige Frau. Mein Wunsch nach einem Baby nahm solche Ausmasse an, dass ich, sobald ich ein Baby im Bus oder auf der Strasse  sah wie weggetreten war. Mein Verlobter und ich probierten und bei jedem Zyklus der verging wurde ich immer unglücklicher. Ich sagte meiner Mutter jedes Mal am Telefon, dass ich bei der Ziviltrauung im November 2002 schwanger sein werde, aber sie fand das nicht so lustig. Ich war mir aber 100 % sicher, allen Unkenrufen zum Trotz. Ich war glücklich, ja, aber es fehlte einfach noch ein Baby zu meinem Glück. Im August 2002 liess mein Mann sein Sperma untersuchen. Die Diagnose war niederschmetternd. Zeugungsfähigkeit 20 zu 80 %. 

 

Ich war tieftraurig. Mein Leben schien sich so zu entwickeln, wie ich mir das, seit ich 16 war gewünscht habe. Und jetzt diese Diagnose. Schweren Herzens beschloss ich Ende August mich auf die kirchliche Hochzeit ein Jahr später vorzubereiten. Und ich stürzte mich mit Elan in die neue Aufgabe. Im September hatten mein Verlobter und ich unseren ersten grossen Krach. Das Resultat war, dass mein Zukünftiger die Verlobung lösen wollte. Ich weinte und schrie und dachte, das darf nicht wahr sein. Was machen wir jetzt mit den geladenen Gästen und dem Aufgebot? ( Das hatten wir zwei Wochen vorher bestellt.) Zum Schluss wendete sich aber doch alles zum Guten. Mein Zukünftiger und ich hatten an diesem Abend ein langes und intensives Gespräch. Wie sich herausstellte hatte mein Mann eine Torschlusspanik. Das Schönste war dann die Versöhnung mit kleinem Geschenk.

Im Oktober blieb die Regel aus. Ich dachte mir nichts dabei und sagte eine Woche später meinem Mann, er solle mir einen SS-Test nach Hause bringen. Und siehe da, zwei fette rote Balken. Ich war ausser mir vor Freude. Die Angst kehrte die ersten 12 Wochen immer wieder zurück aber ansonsten ging es mir sehr gut. Und ich war an unserer Ziviltrauung tatsächlich schwanger.

Am 28. Mai 2003 durften wir unser Wunschkind Tobias in die Arme schliessen. Es verlief alles super und ich war in Wolke sieben. Bis zur folgenden Postpartalen Depression wo ich mich aber durch einen zweiwöchigen Kuraufenthalt wieder rausholen konnte.

 

Im Sommer 2005 fanden wir, dass es jetzt an der Zeit war ein Geschwisterchen für Tobias zu bestellen. Ich wurde auch sofort schwanger. Es war alles wunderbar und ich freute mich riesig auf unser zweites Kind. In der 9. SSW erfolgte der erste US und ich sah unser Baby und den Herzschlag. Am 6. August, zwei Tage nach der US feierte ich meinen 30. Geburtstag und wir fragten meinen Bruder, ob er Patenonkel werden wolle. Er sagte ja und es war ein schönes Fest. Am Abend ging ich aufs WC und ich entdeckte Blut. Es war eine leichte Schmierblutung und ich dachte mir nichts dabei. Am nächsten Tag hörte es auch wieder auf und ich sagte mir, war wahrscheinlich die Aufregung vom Geburtstag. Zwei Tage später hatte ich wieder eine leichte SB und es hörte auch wieder auf. Das ganze ging 2 Wochen so und ich machte mir keine Sorgen. Wäre ich doch bloss früher zu meiner FA gegangen!

Am 19. August ( 11. SSW) fingen die Blutungen wieder an, diesmal stärker. In einer Panik ( es war Abends) rief ich im KH an und die sagten mir ich solle sofort kommen. Die Schwester musste mich am Telefon zuerst etwas beruhigen, damit sie überhaupt verstand, was passiert war. Ich also Tobias gepackt und ab mit den ÖV ins Spital. An diesem Abend wollten mein Mann und ich uns eine grössere Wohnung anschauen. Ich versuchte ihn die ganze Zeit übers Handy zu erreichen, aber mein Mann war nicht erreichbar. Im KH nahm mir die Schwester in aller Ruhe Blut ab und überprüfte den Blutdruck. Ich hätte am liebsten laut geschrien. Die machten so langsam und ich wollte nur wissen, ob es meinem Baby gut ging. Dann kam endlich der US. Die Assistenzärztin suchte und suchte und schliesslich rief sie die Oberärztin. Immer wieder suchte sie mit dem Schallkopf nach Herztönen und nach einer halben Ewigkeit des Hoffens und Bangens sagte sie mir, dass mein Engel bereits schon seit ca. 2 Wochen tot war. Ich sass da und heulte hemmungslos. Sie fragten mich, ob ich „es“ natürlich verlieren möchte oder eine Ausschabung. Ich sagte nur OP. Nach den Abklärungen wegen der Narkose eröffneten sie mir, dass ich noch in dieser Nacht operiert werden könne. Ich nickte nur noch und funktionierte wie ein Roboter. Dann klingelte mein Handy. „ Wo steckst du, wir warten auf dich!“ Ich wurde so wütend. „ Ich bin im KH und verliere gerade unser Kind, falls es dich interessiert!“ Rums, der Hörer war aufgelegt. Ich war zutiefst verletzt und wütend und traurig und ich fühlte mich in diesem Moment so im Stich gelassen! Mein Mann kam dann so schnell das die ÖV  zu liessen. Ich bat die Ärztin, meinem Mann alles zu erklären. Kurze Zeit später verabschiedete er sich von mir und ging mit unserem Sohn nach Hause. Jetzt war ich allein. Ich wurde in ein Zweibettzimmer verlegt und wartete bis das Zäpfchen wirkte. Da das Telefon an meinem Bett nicht funktionierte durfte ich netterweise das Telefon meiner Bettnachbarin benutzen. Weinend rief ich meine Mutter an. Die lag schon im Bett und ich erzählte ihr alles. Sie wünschte mir viel Kraft und sie sagte, dass sie an mich denken und für mich beten würde. Das war für mich so ein grosser Trost. Die Bettnachbarin war etwa in dem Alter meiner Mutter und ich war froh, dass ich jemanden zum Reden hatte. Um Halb Elf wurde ich dann abgeholt. Die Schwester, die mich in den OP brachte, fragte mich wieso ich operiert wurde. Ich erzählte es ihr und sie fing an zu weinen und sagte, sie hätte das 7 Mal durchgemacht. Bei der Schleuse wünschte sie mir viel Kraft und verabschiedete sich von mir. Im OP stand ich komplett neben mir, ich glaub das waren die Drogen. Mir schossen Gedanken durch den Kopf, wie man das nur freiwillig machen kann, etc. Der letzte Gedanke bevor ich in Narkose fiel war, lieber Gott, bewahre meine Gebärmutter. Und weg war ich. Ich erwachte in meinem Zimmer durch den elektronischen Blutdruckmesser. Eine Schwester war bei mir. Ich sagte nur noch, rufen sie meinen Mann an, dass alles gut gegangen ist und schon schlief ich wieder ein.

Am nächsten Morgen durfte ich wieder nach Hause. Mein Mann kam mich mit Tobias abholen. Wir gingen dann gleich noch ins Mütterzentrum ( dort arbeitete ich in der Cafeteria und war Leiterin des Kafi-Teams). Alle, die mich sahen waren fast verärgert aber fragten auch wie’s mir geht. Es tat unheimlich gut. Sie waren alle so verständnisvoll und ich brauchte das.

Zu Hause bin ich dann wieder ins Bett gegangen und habe fast den ganzen Nachmittag geschlafen ( mein Mann hatte frei genommen). Am Abend sagte ich dann, ich muss heute Abend raus, sonst dreh ich hier durch. Also ging ich mit zwei Bekannten in den Ausgang mit. Ein grosses Hobby von mir und meinem Mann ist Karaoke singen. Und ich war sehr froh, dass ich unter Leuten war. Viele kannte ich schon sehr gut und ich konnte sagen, was passiert war. Es war einfach nur wichtig für mich. In meinem Herzen habe ich mein Baby Angel getauft und an diesem Abend widmete ich das Lied

„ Angel“ von Sarah Mc Lachlan meinem verstorbenen Engel.

Es folgten Tage der Leere und der Trauer. Ich machte mir Vorwürfe und ich konnte kaum glauben, dass mein Engel schon tot war als ich meinen Bruder, wegen dem Patenonkel gefragt hatte. Die Vorstellung, dass mein Engel auf dem Müll gelandet ist  macht mir heute noch zu schaffen. Mein Mann zeigte keine Reaktion. Für ihn war das einfach die Natur und fertig. Ich war mit meiner Trauer komplett allein und das hat mich am meisten verletzt.

Ich fühlte mich von ihm so im Stich gelassen. Ca. zwei Wochen später, als wäre die FG nicht schon genug, hatten wir einen riesen Streit. Mein Mann wollte dann die Beziehung beenden. Aber ich kämpfte weiter, wie eine Löwin. Ich wollte nicht auch noch meine Familie verlieren. Wir begannen eine Familientherapie und inzwischen haben unsere Krise bewältigen können.

Mittlerweile sind fast zwei Jahre vergangen und wir sind miteinander wieder glücklich. Manchmal geht es mir gut und manchmal fehlen mir meine zwei Engel unheimlich. Vor ein paar Wochen haben wir uns entschlossen einen weiteren Anlauf für ein Baby zu nehmen. Mittlerweile bin ich in der 7. SSW und ich bete und hoffe, dass ich Anfangs April 2008 ein gesundes Baby im Arm halten kann.


Ich wünschte mir, ich wäre vor zwei Jahren schon auf diese HP gestossen. Dann hätte ich die Trauerarbeit mit euch zusammen bewältigen können. Jetzt habe ich noch einiges vor, damit ich mich auf dieses Baby richtig freuen kann.

Ich danke euch für die Anteilnahme, für’s zu hören und eure Herzlichkeit.

Eure Manuela