Marika Hoeh

Liebe Käthy,

ich bin durch Zufall zu deiner Homepage gekommen und habe mich ein bisschen durchgelesen. Bei den Engelskindern habe ich eine Geschichte gesehen, die 1988 passierte. Meine Geschichte liegt auch bereits 15 Jahre zurück. Ich möchte sie aber trotzdem (oder gerade deshalb) niederschreiben. Ich bin 38 Jahre alt und seit meiner Tot,- und Fehlgeburt nicht wieder schwanger geworden.

Bis ich merkte, dass ich schwanger war, war ich es schon längst. Ich hatte noch einen Monat lang meine Periode. Als ich dann zum Arzt ging und er die Schwangerschaft feststellte, waren wir, mein Freund und ich,  zuerst ziemlich überrascht, dann aber freuten wir uns. Meine Eltern nahmen es ziemlich gelassen hin, wogegen sein Vater es nicht so toll fand. Es war mir während der ganzen Schwangerschaft kaum übel und ich fühlte mich rundherum wohl. Unser Baby war für den 10.März 1986 ausgerechnet, was ich toll fand, da ich am 11 März geboren bin. Ich dachte damals, das wird mein schönstes Geburtstagsgeschenk. Wie gesagt, mir ging es, bis auf Eisenmangel, gut. Dann kam der Verdacht einer Plazenta praevia auf. Aber der Arzt erwähnte nicht, das es ein Risiko darstellen würde. Freitag, den 7 Februar, als wir abends vor dem Fernseher sassen, strampelte unser Baby wie verrückt in meinem Bauch und ich meinte noch, es solle sich ruhig wie wild bewegen.........

Kurz darauf ging ich zur Toilette und hatte etwas Blut verloren, aber nur ganz wenig, was mich auch nicht beunruhigte. Am nächsten morgen, 8 Februar 1986, wurde ich gegen 6:00 Uhr wach und merkte ein leichtes Ziehen vom Rücken her kommend. Ich schlief aber wieder ein und gegen 8:00 Uhr wurde ich erneut wach und das Ziehen war immer noch da. Nun dachte ich, es ist ja schon die 36 SSW (ich selbst bin im 7ten Monat geboren) und es kann nichts mehr passieren und bereitete mich darauf vor, dass das Baby kommen wird. Nun zogen wir uns an und fuhren mit dem Bus zum KH. Es war eine witzige Sache, im Bus zu sitzen und Wehen zu haben. Als wir aus dem Bus stiegen und in Richtung KH gingen, platzte mir (so glaube ich) die Fruchtblase. Ich fasste mir untuitiv zwischen meine Beine und sah das Dilemma. Alles voller Blut. Als wir im Krankenhaus ankamen, hielt man sofort den Fahrstuhl an und brachte mich zur Endbindungsstation. dort dauerte es unendlich lange, bis ein Arzt kam, um mich zu untersuchen. Er kümmerte sich irgendwie garnicht um unser Kind, sondern wunderte sich über meine schlechten Venen. Wir sind so gegen 12:00 Uhr im KH angekommen und um 13:00 Uhr lag ich im Kreißsaal. Ich wurde ans CTG angeschlossen, um den Abstand der Wehen zu messen. Dann kam der grosse Hammer! Als sie die Herztöne suchten, fanden sie keine mehr. Da sagte der Arzt einfach nur "Das Kind ist tot". Ich habe es garnicht begriffen und befand mich sofort in einem betäubten Zustand. Nun lag ich da und wir waren ganz allein. Ich wurde dann noch an einen Wehentropf gehängt und ich fragte, wann denn  dann das Kind käme. Die Antwort der Ärzte war, wenn nicht heute, dann morgen. Das war für mich unfassbar. Ich war so entsetzt, dass ich fragte, ob ich mir das tote Kind auch noch ansehen müsse. Die Ärzte antworteten, wenn ich nicht wollte, dann nicht. So waren wir wieder auf uns allein gestellt, völlig durcheinander und haben nicht ein Wort gesagt. Wir liessen nur alles geschehen. Dann wurde unsere kleine Eileen um 17:50 Uhr am 8 Februar geboren, sie war 48 cm gross, wog 2250 Gramm. Mein Freund hat sie nur ganz kurz durch einen Zufall gesehen. Später erzählte er mir, sie war ganz blau. Ich hatte eine frühzeitige Plazentalösung, zu 2/3 und unser Baby hat sich zweimal mit der Nabelschnur stranguliert. Ich war nach der Geburt richtig krank. Ich hatte während dessen Blutgerinnungsstörungen und musste Blutkonserven bekommen.

Die Beerdigung und alles was dazu gehörte, wurde von meiner Mutter und meinem Freund in die Wege geleitet. Als ich dann wieder aus dem KH entlassen wurde und nach Hause kam, war kein Hinweis mehr zu sehen, dass wir ein Kind erwarteten. Alles wurde versteckt und weggebracht. Und es wurde nie wieder darüber geredet.

Wir wollten natürlich so schnell wie möglich wieder ein Kind. Ich wurde daraufhin auch schnell wieder schwanger. Wir freuten uns irrsinnig. Als ich dann in der 9 SSW leichte Blutung bekam, sind wir sofort zum Arzt und er verschrieb mir Hormone, um die SS zu halten. Ich hörte aber nicht zu bluten auf und wir fuhren in ein KH. Leider verlor ich dieses Kind auch............

Ausschabung, Entlassung und ständiges Schweigen...........

Mein Freund und ich haben uns dann nach einigen Monaten getrennt.

Ich habe es bis heute nicht verarbeitet, weil niemand mit mir darüber geredet hat und wenn ich es erzählen wollte, hat mich nie jemand verstanden. Heute weis ich, das man es garnicht verstehen kann, wenn man es nicht selbst erlebt hat.

Nun nach 15 Jahren, kam mir alles wieder so richtig hoch, weil ich mich auch in Therapie befinde und habe meinem damaligen Freund und Vater meiner Kinder einen Brief geschrieben. Er hat sehr positiv darauf reagiert und wir waren jetzt auch auf dem Friedhof und haben das Grab schön gemacht für unsere kleine Eileen und Foto´s gemacht. Es tut mir richtig gut, mit ihm darüber zu reden und er empfindet genau so. Unser Grab wird nächstes Jahr eingeebnet und dann werden wir eine kleine Familienanzeige in die Zeitung setzen. Ich habe gemerkt, dass es ihm heute noch genau so weh tut, wie mir und hoffe, dass wir nun endlich, nach so langer Zeit, diese Geschichte verarbeiten können.