Melanie (Schwester von Emily)

Am 25.08.99 kam ich von der Schule nach Hause, ich besuchte zu der Zeit, die
13. Klasse, meine Mum stand vor mir. Wir beide haben ein sehr besonderes
Verhältnis zu einander, manchmal ist es so, dass wir voneinander spüren, wenn es
dem anderen schlecht geht, auch wenn wir viele Kilometer auseinander sind.
Ich kam also nach Hause und spürte, dass es etwas mit ihr nicht stimmte. Ich
nahm sie in den Arm und fragte was los sei, daraufhin fing sie an zu weinen
und sagte: Ich bin schwanger... Der Satz hallte nach in meinem Kopf
schliesslich war ich fast 19 Jahre lang Einzelkind. Der Gedanke war so fremd für mich,
dass ich mich weder freuen noch sonst was konnte. Sie war erst etwas über ein
halbes Jahr mit ihrem Freund zusammen und sie hatte Angst vor seiner
Reaktion, schliesslich war die Schwangerschaft ungewollt, da es hiess Jörg könne
keine Kinder zeugen. Wir redeten ein bisschen darüber und von Anfang an stand
fest, dass meine Mutter es behalten wird!!
Als Jörg von der Arbeit kam, machte ich mich aus dem Staub, damit die beiden
ungestört miteinander reden konnten. Als ich wieder kam erzählte er mir ganz
stolz davon, dass ich grosse Schwester werden würde. Womit sich die Bedenken
meiner Mutter dann glücklicher
in Luft aufgelöst hatten. Drei Tage später schrieb ich diesen Brief:


Samstag, 28.08.99
Hallo kleines Geschwisterchen!
Alles fing damit an, dass meine Mum 1 Tag nach meinem 18. Geburtstag- also
am 14.02.99-mit einer Freundin Karneval feiern ging und einen Mann namens Jörg
kennen lernte und sich sofort in ihn verliebte....
ich fand ihn auch total nett, aber das Wichtigste: meine Mum war zu diesem
Zeitpunkt sehr sehr glücklich!! Ich freute mich unheimlich für sie! Als sie
dann ein halbes Jahr zusammen waren, verbrachten sie das Wochenende im
Sauerland. nach dem Wochenende hätte sie eigentlich ihre Periode bekommen sollen,
doch sie kamen nicht. Sie hat sich am 25.08.99 heimlich testen lassen (der Tag
an dem ich es auch erfuhr).
Da fiel mir auf, dass sie ihr ganzes Leben lang Lakritz hasste und seit ein
paar Wochen oft Lakritz aß. Tja dann sagte meine Mum mir was Sache ist. Ich
konnte es nicht fassen, es war irgendwie unvorstellbar für mich. Dieser neuen
Nachricht begegnete ich mit sehr gemischten Gefühlen aus folgenden 2 Gründen:
1. ist meine Mum schwer Herzkrank, sie hat eine Herzklappenverschwartung,
hat ein viel zu grosses Herz und es ist doppelt soviel verbraucht, als sie alt
ist, also das ist 80 anstatt 40. Bis vor kurzem hatte sie dazu noch einen
kompletten Linksschenkelblock, der zum allergrössten Glück wieder weg ist.
Jedenfalls machte mich diese Sache verrückt, als ich hörte, dass sie schwanger
ist, machte ich mir schreckliche Sorgen um mein "Mamaherzchen"! Der 2te Grund
warum ich dieser Nachricht mit gemischten Gefühlen begegnete ist, dass ich fast
19 Jahre lang Einzelkind war und ich mir überhaupt nciht vorstellen konnte
wie es wohl ist einen kleinen Bruder oder eine kleine Schwester zu haben. Ich
finde keine Worte die ausdrücken können wie ich mich fühle... Es ist jetzt 3
Tage her!
Ein Tag nachdem ich es wusste habe ich es ganz in der Schule rumerzählt,
dass ich werdende Schwester bin. Mehrere Gynäkologen haben meiner Mum gesagt,
dass das mit dem Herzen kein aussergewöhnliches Risiko darstellt und wenn sie
nächste Woche zu ihrem Kardiologen geht und er auch dieser Meinung ist, dann
freue ich mich ohne Einschränkung schon ganz doll auf Dich!! Ich bin schon
ganz ungeduldig und möchte garnicht mehr 8 Monate auf Dich warten. Gestern war
sie am ersten tag der 5. Woche. Ich habe mir auch schon Namen überlegt, wenn
Du ein Mädchen bist würde ich Dich Emily nennen und wenn Du ein Junge bist
Curt! Ich freue mich darauf alles mit Dir zu teilen auch meine Mum, die bis
jetzt immer nur für mich da war, wird bald "unsere" Mum sein!!

Bis in 8 Monaten

Deine grosse Schwester!



Es ist also fast 2 jahre her, dass ich diesen Brief geschrieben habe ... Die
nächsten Wochen malte ich auf wie ich das Kinderzimmer tapezieren wollte,
habe allehand für das Kinderzimmer gebastelt und mich immer wahnsinniger auf
unsere kleine Emily gefreut. Ich habe nicht mehr gefragt wie geht es dir,
sondern nur noch: Wie geht es Euch? Ich habe meinen Mund auf den Bauch meiner Mum
gelegt und durch die Bauchdecke mit Emily schwätzchen gehalten *gg*, habe ihr
Geschichten erzählt und ihr jeden Morgen erstmal einen wunderschönen Tag
gewünscht. Plötzlich bekam meine Mutter Blutungen, wir sind sofort zum
Frauenarzt und sie wurde auch direkt ins Krankenhaus eingewiesen, die Untersuchungen
ergaben, dass es dem baby gut geht, es aber aufeinmal viel zu klein ist. Meine
Mutter hatte strengste Bettruhe. Von da an folgte ein auf und nieder, einmal
sagten die Ärzte es sei alles in Ordnung das nächste mal sagten sie, dass
das Baby verloren gehe. meiner Mutter ging es sehr schlecht und auch ich hatte
schreckliche Angst. Als wir auf das letzte Ergebnis aus dem Krankenhaus
warteten bevor meine Mutter entlassen werden sollte, ging ich in den Krankenhaus
Park und suchte alles nach einem Kleeblatt ab. Und tatsächlich ich fand eins
und rannte auf ihr Zimmer und legte es ihr auf den Bauch. Der Arzt kam und
sagte: Beruhigen sie sich, es ist zwar ein wenig zu klein, aber das muss noch
nichts heissen. Warten sie ab und halten sie ihre Bettruhe ein. Der FA meiner
Mutter aber hätte am liebsten sofort eine Ausscharbung vorgenommen. Wir
wussetn also überhaupt nicht mehr was Sache war. Meine Mum hatte tabletten
verschrieben bekommen gegen die Blutungen, als diese leer waren, holte sie sich ein
neues Rezept und hatte also wieder die Tabletten. Dachten wir zumindest... Die
Tabletten hatten den gleichen Namen, allerdings was erst später aufgefallen
ist, hatten die eine andere Milligrammzahl am Ende stehen. Nach der Woche
(die Blutungen hatten noch nciht aufgehört) schaute meine Mutter mal in ein
Medikamentenbuch und wir waren geschockt... Die tabletten vom 2ten Rezept hatten
genau die gegenteilige Wirkung, die waren also für Starke Blutungen und nicht
dagegen! Meine Mutter hat sofort keine mehr genommen ist zur Apotheke und
hat sich erkundigt, sie hatte Recht. Da hat also jene Ärztin meiner Mutter
absichtlich diese Tabletten verschrieben ohne auch nur ein Wort zu sagen,
schliesslich war sie der Meinung das das Baby eh viel zu klein ist und man mit 40
sowieso keine Kinder mehr bekommen sollte!!!
Wir hatten nun noch mehr Angst, meine Mutter traute sich kaum nich laufen,
aber zwischendurch hörten die Blutungen wieder auf. Tja am 8.10.99 sollte ich
meine 2te praktische Motoradprüfung haben, da ich beim ersten mal
durchgefallen war. Das war ein Freitag... An dem Abend zuvor ging aber noch um mich ein
bisschen aufzulockern in die Disco, wo ich dann um 3 Uhr nachts abgehauen
bin. Was mich zu hause erwarten würde wusste ich da noch nicht...

Ich kam also zu Hause rein, das Licht im Schlafzimmer meiner Mutter brannte
und ich ging zu ihr hin. Sie sagte das sie schon die ganze Nacht zur Toilette
rennen würde, weil sie wieder so stark blutete. Ich ging ins Badezimmer um
mich zu waschen vor dem Bettgehen, ich stand gerade vor dem Spiegel, als sie
auch das Badezimmer betrat. Sie setzte sich aufs klo stand schnell wieder auf
und guckte ins Klo. Ich sagte: jetzt mach dich mal ncith verrückt. Sie fasste
ins Klo und holte etwas heraus. Ich sah das überall Blut war auf einmal, sie
fing an zu schreien und laut zu weinen und sagte: guck mal... Sie hatte ihre
beiden Hände aneinander zu einer kleinen Schale gehalten. Darin lag die
ganze heile Fruchtblase mit Emily darin ich sah dort hin ich sah in ihre augen...
Für ungefähr 10 Sekunden fühlte ich was sie fühlte... Es war kaum zu
ertragen, niemals zuvor hatte ich solchen Schmerz empfunden! Ich versuchte sie in
den Arm zu nehmen, doch sie wollte nciht. Sie starte nur fassungslos in ihre
Hände und streichelte Emily. Sie war so winzig klein die Fruchtblase war sehr
undurchsichtig, man konnte nicht allzuviel erkennen. Nur das es sehr klein
war. Heute kommt es mir vor als hätten wir so eine halbe Stunde im Bad gestanden
und sie wollte es nicht aus ihren Händen legen. Sie hat sich von ihr
verabschiedet und mir war klar, dass es ganz ganz wichtig für sie war. Ich rief
unsere Hebamme an und fragte was wir mit Emily machen sollten, sie sagte, dass
wir sie in ein Gefäss mit Wasser kühlaufbewahren sollen und am nächsten Morgen
schnell zur Ärztin fahren sollen. Jörg hat von alle dem nichts mitbekommen,
wir haben ihn dann geweckt. Wir drei haben die ganze Nacht in der Küche
gesessen und geweint und uns immer wieder gefragt: warum?? Am nächsten Morgen um 9
Uhr hatte ich meine Prüfung, ich habe davor nciht geschlafen, war zum
zeitpunkt der Prüfung über 25 Stunden auf den Beinen, hatte das schlimmste Erlebnis
in meinem ganzen Leben hinter mir und war total am zittern, weil ich die
ganze Nacht Kaffee getrunken hatte. Dann kam noch dazu, dass ich an dem Morgen
ganz neue reifen auf dem Motorad hatte, ich setzte mich also drauf und da fing
es fürchterlich an zu regnen, es schüttete wie aus Eimern. Ich bin die
Prüfung gefahren und ich habe bestanden. Ich kann mich nicht mehr an die Fahrt
erinnern, ich war wie in Trance. Wie die nächsten Tage auch, ich habe mich nicht
ein bisschen gefreut, dass ich bestanden hatte, ich merkte irgendwie nichts
mehr. Ich habe mich bis heute auf kein Motorad mehr gesetzt. Ob ich irgendwann
mal fahren werde weiss ich nicht. Ich weiss nur, dass ich das niemals
vergessen werde und ich sehr sehr froh bin, dass ich dabei war! Ich weiss nciht was
meine Mutter getan hätte, wenn sie das alles hätte allein durchstehen
müssen. Meine Mum hat lange gebraucht darüber reden zu können, eine gute Freundin
hat ihr den Rat gegeben Emily einen Abschiedsbrief zu schreiben, um das alles
verarbeiten zu können. Vor ca. 2 Monaten hat sie es geschafft, alles was mit
Emily zu tun hat ist nun in einer kleinen Kiste mit ganz vielen Bunten
Marienkäfern drauf und darin liegt auch das Gedicht und der Brief von mir. Und was
mir sehr wichtig ist: der Abschiedsbrief von meiner Mum. Ich bin froh, dass
ich meine Geschichte hier geschrieben habe. Auch wenn ich nciht direkt
betroffen war/bin , kann ich - glaube ich - ein bisschen die Gefühle von den
Menschen, die auch ihr Erlebnis hier hinterlassen haben nachvollziehen. Und wenn ich
ehrlich bin muss ich jetzt noch beim lesen vom jedem Erlebnis weinen. Meine
Mum schafft es nicht- noch nicht. Aber wir wissen, dass wir nicht allein
sind, und wir wünschen Euch ganz ganz viel Kraft und Liebe soetwas durchzustehen.


Nach dem die ganze Sache keine körperlichen Spuren mehr bei meiner Mum
hinterlassen hatte, und sie 3 mal ihre Periode bekam, war sie wieder schwanger.
Auch diesmal freute ich mich schrecklich, mir war klar, dass dieses Baby Emily
nciht ersetzten könne, trotzdem freute ich mich, zeigte es aber nciht so
euphorisch wie beim ersten mal. Wir hatten alle schreckliche Angst, dass es
wieder nciht gut gehen würde... Am Anfang des 8ten Monats hatte meine Mum eine
RutineUntersuchung im Krankenhaus, da stellte der Arzt fest, dass der Blutdruck
von meiner Mum (für beide lebensgefährlich) hoch war, also wies er sie am
gleichen Abend noch ein, dass Baby müsse direkt am nächsten Morgen geholt
werden. Sie kamen nach Hause und sie hatte schreckliche Angst, ich auch vor allen
dingen um sie.
Am nächsten Morgen war ich um 7 Uhr im Krankenhaus, um 10 Uhr kam sie in den
OP, da bei einem Kaiserschnitt nur einer mitkommen darf, blieb ich draussen.
Ich klebte mit meinem Ohr an der OP-Tür fast eine Stunde später hörte ich
sie schreien: unsere kleine Jana. Als ich sie schreien hörte, habe ich
angefangen loszuweinen und hörte garnciht mehr auf, ich war so erleichtert, es war
als fiel mir die Angst von 8 Monaten vom Herz. In einem Brutkasten wurde sie
aus dem OP geschoben und da hatte ich das erste mal das richtige Gefühl
Schwester zu sein. Es war unglaublich und auch dafür finde ich keine Worte. Ich
schaute diese kleine Baby an, es war so wunderschön und so klein, immerhin wurde
sie 4 Wochen zu früh geholt. Sie mussten noch 3 Wochen im Krankenhaus
bleiben, beiden ging es sehr gut. Dadurch, dass Jana ihre Temperatur von allein noch
nciht halten konnte, musste sie so lang bleiben. Ich als als Schwester,
durfte sie die ersten 2 unendlichen langen Wochen nciht berühren, ich durfte sie
nur durch die Scheibe sehen, weil ausschliesslich die Eltern auf die
Säuglingsstation durften. Es ist mir sehr schwer gefallen und ich war sauer auf die
Schwestern dort, trotzdem war ich überglücklich, dass es beiden so gut ging.
Dann kamen die endlich nach hause. Ich hatte den Hausflur geschmückt und
grosse Plakate aufgehangen: Herzlich Willkommen Zu Hause Jana etc.
Jana ist jetzt 10 Monate alt und das was sie am Anfanf zu klein war, hat sie
schön aufgeholt, sie hat das Glück und die Sonne zurück in unser Haus
gebracht. Auch wenn ich erst 10 Monate von meinen 20 Jahren, mit ihr lebe. Ich kann
mir ein Leben ohne unseren GROSSEN KLEINEN SONNENSCHEIN nicht mehr
vorstellen!!! Ich bin soo glücklich, dass sie bei uns ist, und es ist noch viel viel
schöner, als ich es mir vorgestellt hatte!!! Ich bin die glücklichste grosse
und alte Schwester die es gibt!! Wenn jemand von Euch sich die Zeit genommen
haben sollte, meine lange Geschichte zu lesen und mir schreiben möchte: nur
zu! Ich freue mich über Post von Euch

Melanie (Krywalda@gmx.de)