Pascale

 

Letztes Jahr, also im 2002, beschlossen mein Mann und ich, nicht nur
nicht mehr aufzupassen sondern wenn möglich den richtigen Zeitpunkt zu
finden. Nach zwei Monaten war ich schon fast am durchdrehen und
organisierte mir deshalb ein Buch über natürliche Familienplanung. Die
darin enthaltenen Informationen zeigten mir, dass es eigentlich ein
Wunder ist, überhaupt schwanger zu werden. Ich wunderte mich damals,
dass es trotzdem soviele Kinder auf dieser Welt gibt.

Nachdem ich dieses Buch gelesen hatte, entschied ich mich für die
Temperaturmethode sowie Schleimbeobachtung. Damit wollte ich mich
ablenken. Mich interessierte es, wie sich mein Körper im monatlichen
Zyklus veränderte. Nach zweimal Kurvenzeichnen war ich dann schwanger -
etwas überraschend. Am 6.11.02 machte ich zuhause den Test, am 7.11.
vereinbarte ich auf den 8.11. einen Arzttermin. Dies war ein Freitag.
Der Arzt bestätigte eine normale intakte SS. Ich war damals etwa in der
5. oder 6. Woche. Die Freude bei mir und meinem Mann war gross, wenn
auch verbunden mit einem ängstlichen Gefühl: Jetzt werden wir
tatsächlich Eltern. Die Freude war nur von kurzer Dauer. Denn am Montag,
dem 11.11.02, hatte ich Schmierblutungen. Ich rief umgehend den Arzt an.
Am Nachmittag konnte ich vorbei gehen. Dieser wollte mich gleich ins
Spital einweisen. Ich meinte, er mache einen Witz, stellte dann aber
schnell fest, dass es ihm sehr ernst war.

Ich setzte mich durch, die Bettruhe zuhause einzuhalten. Da mein Mann
beruflich sehr stark engagiert ist, hätte ich ihn bei einem
Spitalaufenthalt unter der Woche gar nicht mehr gesehen. So konnten wir
jedoch am Morgen und am Abend etwas miteinander plaudern. Und ich war in
meinen vier vertrauten und geliebten Wänden. Vier Wochen blieb ich
zuhause. Danach durfte ich wieder arbeiten gehen. Die Blutungen waren
weg und der Arzt erlaubte mir, wieder alles (in Massen) zu tun - ich
solle einfach nicht vergessen, dass ich schwanger sei. Wie könnte ich!
Die nächsten Untersuchungen verliefen problemlos und unser Kleines
entwickelte sich prächtig. Der letzte Untersuch fand dann am 19.2.03
statt, in der 20. SSW. Es war alles in Ordnung. Wir erfuhren, dass es
mit grosser Wahrscheinlichkeit ein Junge wird - was ich schon lange
gewusst habe.

Am Sonntag, dem 23.2.03, stellte ich vermehrten Schleim in der
Unterwäsche fest, welcher mit zunehmender Tageszeit mit Blutspuren
durchzogen war. Zuerst wollte ich den Montag abwarten und dann zum Arzt
gehen, entschied mich dann aber um den Mittag herum, doch das Spital
aufzusuchen. Zudem hatte ich in der Leistgegend ganz leichte Krämpfe.

Die Assistenzärztin mass die Wehen (keine!), machte Ultraschall, etc.
Danach meinte Sie, sie wolle den Arzt beiziehen, da ich Privatpatientin
sei. Nachdem auch er mich untersucht hatte, stellten sie die Diagnose:
Vollständig geöffneter Muttermund sowie heruntergerutschte Fruchtblase.
Es wurde noch diskutiert, mich ins Uni-Spital nach Zürich zu verlegen.
Man entschied sich dann dagegen, da ich "erst" in der 20. SSW war.
Die Behandlung bestand im Hochlagern des Unterleibes damit die
Fruchtblase wieder nach oben rutschen würde. Gleichzeitig bekam ich ein
Mittel, mit welchem die Wehen (die Krämpfe waren doch eine Art Wehen)
gestoppt werden sollten. Nach ca. 2-3 Stunden hätte ich keine Krämpfe
mehr haben sollen. Doch es kamen immer wieder zwischendurch welche.
Dieses Mittel machte mich so k.o., dass ich nicht einmal mehr imstande
war, das Glas zu heben, ohne dessen Inhalt über das ganze Bett zu
verteilen. Ich war komplett zittrig und schwach - nur die Krämpfe hörten
nicht auf.

Am Abend fragte mich die Hebamme, ob ich eine Schlaftablette möchte.
Eigentlich bin ich gegen solche Pillen, entschied mich dann aber dafür
in der Hoffnung, dass sich mein Körper während des Schlafes etwas
entspannte. Irgendwann um Mitternacht war ich wieder wach und klingelte
der Hebamme, weil meine Krämpfe wieder stärker wurden. Zudem waren jetzt
auch Schmerzen im Kreuz da. Sie war erstaunt, dass ich trotz
Schlaftablette schon wieder wach war. Danach döste ich 1-2 Stunden
weiter, ständig von Wehen unterbrochen.

Nach Mitternacht wurden die Wehen immer heftiger und häufiger, trotz
Wehenstopper. Ich gab mein Einverständnis, den Arzt bzgl. dem Abstellen
des Mittels anzurufen. Danach wurde dieses Mittel gestoppt. Ebenfalls
wurde mein Mann kontaktiert, der kurz darauf neben meinem Bett war.

Um 3.35 h des 24.2.02 kam unser Sohn Michael auf die Welt. Ganz kurz
hatte er noch gelebt. Wir wurden gefragt, ob wir ihn sehen wollten. Ja,
das wollten wir und die Hebamme legte ihn in eine Zellstoffwindel
gewickelt neben mich. Ich war erstaunt, wie sehr Michael meinem Mann
glich. Die Oberlippe, die etwas breite, spitze Nase, die Augenbrauen,
die kleinen Ohren, die Füsse.....

Arzt und Hebamme wollten auch noch wissen, ob wir Michael untersuchen
lassen wollten, um den Grund herauszufinden. Wir wollten. Vielleicht
ergäbe sich etwas Wissenswertes für Folgeschwangerschaften.
Die Hebamme machte dann später ein gemeinsames Bett für uns zurecht, wo
wir, mein Mann und ich, gemeinsam schlafen konnten. Am nächsten Morgen
wurden wir gefragt, ob wir Michael nochmals sehen wollten, doch wir
lehnten ab - es wäre zuviel gewesen. Noch am selben Morgen wurde ich
nach Hause entlassen.
Den ganzen Montag verbrachten wir im Bett mit Heulen und Schlafen. Am
Abend waren wir beide fix und fertig. Es tat einfach so sehr weh.

Am Mittwoch bekam ich von einer Hebamme Besuch. Diese fragte mich, was
wir mit Michael machen wollten. Ich verstand ihre Frage nicht. Sie
erklärte es mir. Wollten wir ihn beerdigen, kremieren? Wusste ich, wo
Michael jetzt war? Ich wusste gar nichts.

Zuerst entschieden mein Mann und ich gegen ein Grab. Wir, oder zumindest
ich, hatten das Gefühl, dass wir damit nur noch mehr Traurigkeit
bewirken, bzw. "Trauer züchten" würden.

Am Donnerstag kaufte ich ein Buch "Gute Hoffnung - jähes Ende", in
welchem ich herumstöberte. Dabei wurde mir am Donnerstagabend folgendes
bewusst: 1. Ich wollte ein Grab hier an unserem Wohnort. 2. Ich wollte
ihn nochmals sehen und berühren. Denn das hatte ich bei der Geburt
unterlassen und bereuhte es schon jetzt.
Am Freitag ging dann die Telefoniererei los. Michael war in Zürich in
der Patologie. Am Freitagnachmittag durften wir ihn besuchen. Die
Hebamme bot mir an, uns zu begleiten, worüber ich sehr sehr froh war.

Es war wunderschön, wenn auch sehr sehr traurig, Michael nochmals zu
sehen, ihn zu streicheln, ihn zu halten. Ich hatte ihm an diesem Tag
einen Teddy-Bären gekauft, der grösser als er selbst war. Dann hatte ich
ihm einen Abschiedsbrief geschrieben, worin ich ihm mitteilte, wieviel
Freude er uns in der kurzen Zeit gemacht hatte und wie lieb wir ihn
haben. Ebenfalls brachte ich eine gelbe Rose mit. Die Hebamme half uns,
Michael in eine gelbe Stoffwindel zu wickeln und ihn mir in die Arme zu
geben. Das Gefühl war und ist unbeschreiblich. Ich denke, jede Mutter,
die zum ersten Mal ihr Kind in den Armen hält, hat dieses Gefühl.
Einfach unbeschreiblich schön. Ich wollte mich nicht mehr von ihm
trennen. Hätte ihn am liebsten noch Stunden so gehalten. Irgendwann war
ich aber soweit, ihn loszulassen.

Auf dem Heimweg waren mein Mann und ich uns einig, dass dies wunderschön
und notwendig gewesen sei. Wir hatten eine innere Ruhe gefunden, auch
wenn wir noch immer sehr sehr traurig waren und sind.
Letzte Woche dann, am 5.3.03, wurde Michael beerdigt. Ich hätte nicht
gedacht, dass mir ein Grab soviel bedeutet. Aber ich habe festgestellt,
dass ich den Schmerz und die Trauer ganz nah heranholen muss, damit ich
das Geschehene verarbeiten kann.

Aufgrund eines Traumes, den ich ca. 1 Woche vor der Geburt von Michael
hatte, gehen wir davon aus, dass er sich damals (im Traum) von uns
verabschieden wollte. Und deshalb rechnen wir auch nicht damit, dass ein
brauchbares Ergebnis aus den Untersuchungen resultiert.

Zwischenzeitlich geht es uns, obwohl erst drei Wochen vergangen sind,
schon etwas besser. Es gibt allerdings viele Situationen, in denen ich
gleich in Tränen ausbreche. Aber das muss wohl so sein.

Manchmal habe ich Angst, dass wir noch weitere solcher Erlebnisse machen
müssen, dass wir vielleicht nie Kinder haben werden, dass meinem Mann
etwas zustösst, ....

Jedenfalls bin ich froh, dass ich diese Internet-Seite gefunden habe.

Pascale