Rachel Langmeier

Lieber Laurin

Es ist schon über eine Woche her, dass Du nicht mehr bei mir bist. Es ist
aber so, als wärst Du immer noch da. Ich spüre Bewegungen in meinem Bauch,
aber ich weiss die können nicht von Dir sein. Ich kann Dich einfach nicht
loslassen. Ich denke ständig an Dich, ich rede mit Dir ich streichle meinen
Bauch, aber Du bist schon lange weg und wer weiss wohin ?

Ich erinnere mich daran, wie alles angefangen hat: als ich den positiven
Schwangerschaftstest in meinen Händen hielt. Ich war so glücklich und auch
überrascht, wie schnell es doch geklappt hatte. Wir waren gerade in den
Ferien und Deine Schwestern waren stark erkältet, aber trotzdem habe ich da
schon viel an Dich gedacht. Wahrscheinlich hatten genau dann Deine
Schwestern den Zytomegalievirus. Wir haben Pläne geschmiedet, wir haben uns
doch so gefreut. Aber irgendwie hatte ich immer Angst um Dich, Angst ich
würde Dich verlieren. Ich habe viele Blutuntersuchungen machen lassen, um
sicher zu sein dass Du auch noch immer bei mir bist.
Etwas später kam der erste Ultraschall, ein sehr schöner und aufregender
Moment. Dein Herzchen schlug wie verrückt, alles schien in bester Ordnung zu
sein. Mit 11 Schwangerschaftswochen kamen unsere ersten Sorgen: bei Dir
wurde eine Nackenfalte entdeckt. Wir hatten Angst, Du könntest eine
Chromosomenstörung haben, aber wir wollten Dich annehmen so wie Du bist und
verzichteten auf invasive Diagnostik. Die Angst um Dich liess mich nie los,
ich hatte das Gefühl, Dich irgendwann hergeben zu müssen. Ängstlich und
ungeduldig wartete ich auf Deine ersten Bewegungen, und als ich sie spürte
war ich sehr glücklich, aber die Angst blieb. Ich bekam nicht genug von
Kontrollen, Ultraschallen und beruhigenden Worten von Arzt und Hebamme, aber
es ging mir dabei nie besser, als ob ich schon immer etwas geahnt hätte. Bis
16 Schwangerschaftswochen entwickeltest Du Dich bilderbuchmässig, ich war
trotz Allem zuversichtlich, schliesslich waren ja die ersten 12 heiklen
Wochen überstanden, was sollte jetzt noch passieren ? Mit 20 Wochen kam die
nächste Untersuchung. Ich war schon den ganzen Tag gereizt, und im
Wartezimmer beim Arzt dachte ich für mich, dass ich dieses Kindlein mal
hergeben müsste. Ich schämte mich für diesen Gedanken, wie konnte ich bloss
so pessimistisch sein ? Beim Ultraschall bemerkte ich, dass Dein Köpfchen
relativ klein im Vergleich zum Bauch war, aber es lag alles noch in der
Norm. Trotzdem beschäftigte mich das sehr und ich hatte nach wir vor das
Gefühl, etwas wäre mit Dir nicht in Ordnung, aber Du schienst Dich wohl zu
fühlen, Du strampeltest zum Teil schon heftig. Als ich von meinen Ängsten
nicht los kam, meldete ich mich frühzeitig zu einem Missbildungsultraschall
an. Da wurde dasselbe festgestellt: sehr kleines Köpfchen, grosser Bauch und
noch andere Organauffälligkeiten. Ich sollte in 10 Tagen wieder kommen, aber
wie hätte ich diese Zeit bloss durchgestanden, mich plagten Höllenängste !
Unser Arzt nahm mir noch Blut ab, um Infekte auszuschliessen. Einige Tage
später kamen die Resultate: Ich hatte in letzter Zeit keine schädlichen
Krankheiten durchgemacht, bei der Zytomegalie hatte ich zwar Antikörper,
aber die waren auf einen alten Infekt zurückzuführen. Aus Sicherheit wurden
noch alle Blutproben, die ich vor und während der Schwangerschaft gemacht
hatte, auf Zytomegalieantikörper untersucht. Ich vergesse diesen Abend nie,
als das Telefon geklingelt hat, und unser Arzt mit gedrückter Stimme
mitgeteilt hat, dass ich mich zwischen 5 und 7 Schwangerschaftswochen mit
Zytomegalie angesteckt habe. Von da an wusste ich, ich MÜSSTE Dich hergeben.
Es fiel mir wie Schuppen von den Augen: die Nackenfalte war ein Vorboten für
die Organschäden, die sich dort schon anbahnten. Die geschwollenen
Lymphknoten die ich mit 6 Schwangerschaftswochen hatte, waren Zytomegalie !
Ich habe mich über diese Krankheit informiert, und ich wusste dass einen
solcher Infekt so früh in der Schwangerschaft zu sehr schweren Schäden
führt. Ich sollte am nächsten Morgen zur Fruchtwasserpunktion. Auch das
vergesse ich nie: das Wasser war dunkelgelb ! ein Zeichen für Gelbsucht ! ,
Deine Leber funktionnierte nicht richtig. Es wurde nochmals einen
Ultraschall gemacht, der Kopf war kein Millimeter gewachsen, Du hattest eine
Mikrozephalie, Dein Bauch war sehr gross, Deine Leber war wahrscheinlich
vergrössert. Ich weinte und weinte, so dass sie mich für einige Stunden im
Spital behielten. Das Resultat 2 Tage später erstaunte mich nicht mehr, das
Fruchtwasser war voller Viren. Jede andere Untersuchung erübrigte sich. Wir
wurden gefragt ,ob wir die Schwangerschaft abbrechen oder fortsetzen
wollten, aber es stand sehr schlecht um Dich, Du würdest wahrscheinlich bis
zur Geburt nicht überleben. Ich hatte die Kraft nicht, einfach nur
abzuwarten, und wir entschieden uns Dich gehen zu lassen. Die Geburt sollte
eingeleitet werden, und Du würdest sterben. In den nächsten Tagen spürte ich
Deine Bewegungen immer seltener, mein Bauchumfang nahm ab und das
Fruchtwasser wurde weniger. Ich wusste, es geht Dir nicht gut.

An diesem Dienstag Morgen wurden wir ganz lieb von der Hebamme empfangen. Es
war eine drückende Stimmung. Ich kam an den Wehentropf, aber es ging nicht
voran. Nach 13 Stunden war der Muttermund nur wenig offen. Dein Herzchen
schlug noch. Ich wurde auf das Zimmer verlegt. Ich traute mich nicht mit Dir
zu reden, ich hatte Angst Du würdest schrecklich leiden. Kaum war ich
eingeschlafen kamen die Wehen von selbst wieder. Es ging zurück in den
Gebärsaal. Ich bekam die PDA. Ich hatte die ganze Nacht Wehen, die
Fruchtblase wurde gesprengt, aber es ging nicht voran. Ich wollte Dich
einfach nicht gehen lassen, mein Herz war eben stärker als mein Kopf ! Als
ich am Morgen noch Fieber bekam und Du quer lagst, beschloss der Arzt einen
Kaiserschnitt zu machen. Ich wurde in den OP geschoben... am gleichen Ort,
wo ich 21 Monate vorher zwei bildhübsche Mädchen zur Welt gebracht hatte.
War das alles ungerecht. Irgendwann bin ich eingeschlafen, und wurde vom
Ärzteteam geweckt. Es war vorbei und Du warst in den Armen deines Papis
gestorben. Als ich Dich sah, bin ich nicht einmal erschrocken, ich war
vorbereitet... Du warst so klein, hattest den Mund und die Nase Deines
Papis. Du warst wunderhübsch, aber so kalt... Ich hätte Dir so gerne von
meiner Wärme gegeben.... Dein Papi hat Dir noch den kleinen blauen
Puppenstrampler angezogen den ich noch für Dich gekauft hatte. Du lagst da
auf meinem Bauch und es tat so unheimlich weh... Nach einiger Zeit, mussten
wir Dich der Hebamme überlassen und ich wurde aufs Zimmer gebracht. Es
folgten Tagen der Leere, der Verzweiflung. Ich fragte mich warum. Warum
lässt der Liebe Gott so etwas zu. Ich habe viel geweint im Spital. Es waren
alle so lieb mit mir. Nach 4 Tagen ging ich heim, ich war froh endlich
wieder bei Deinen Schwestern zu sein, sie gaben mir viel Halt und wirkten so
fröhlich und unbeschwert. Ich hätte mich so gerne von ihnen anstecken
lassen. Zu Hause ging es mir nicht besser, es reichte bereits als ich den
Kinderwagen sah, in dem ich Dich spazieren fahren wollte. Ich konnte nicht
aufhören zu weinen.

Lieber Laurin, die Tage vergehen, der Schmerz bleibt. Ich funktioniere
irgendwie, habe das Gefühl nicht mehr zu leben. Ich mache mir auch viele
Vorwürfe: warum hatte ich nicht die Kraft abzuwarten, bis Du von selbst
gehst ? Ich habe so auf mich aufgepasst, mich geschont dass Dir ja nichts
zustösst, aber ich konnte Dich nicht gegen Zytomegalie schützen. Ich wollte
Dich eigentlich nicht mehr lebend begrüssen, jetzt bereue ich es, ich hätte
Dir so gerne noch so viel gesagt. Mein Kleiner Sohn, ich gehe nie ins Bett,
ohne mir ein Foto von Dir anzuschauen. Ein Kerzlein brennt in unserem
Wohnzimmer, neben den Fuss- und Handabdrücken die wir gemacht haben. Mein
lieber Laurin Deinen Namen haben wir ausgesucht, 5 Tage vor der Diagnose,
schon irgendwie merkwürdig... Ich möchte so gerne einmal Dein Gesichtchen
sehen, in meinen Träumen, ich möchte Dich lachen hören, ich möchte dass Du
mir vergibst.... dass Du mir vergibst dass ich während der ganzen
Schwangerschaft an Dir gezweifelt habe, Dass ich entschieden habe, wann Du
gehen musst.... Ich möchte Dich noch bitten, sei uns ein Schutzengel. Pass
gut auf uns auf, vor allem auf Deine Schwestern, beobachte sie von dort wo
Du bist, hilf Ihnen die richtige Entscheidungen im Leben zu treffen. Mein
kleiner Bub ich werde Dich nie vergessen, ich wollte Dich haben, Dich
fühlen, Dich küssen, Dir meine Liebe geben. Ich wollte Dich aufwachsen
sehen. Aber jemand hat es anders entschieden, und es ist so ungerecht,
unbegreiflich...

Du wirst in unserem Garten beerdigt, ganz in unserer Nähe. Ich werde dieses
Brieflein mit hinein legen, damit Du verstehst, wieso alles so gekommen ist.
Es ist mir klar, die Zeit, und das Unwetter werden diese Zeilen löschen, so
wie vielleicht auch unser Schmerz hoffentlich allmählich weniger werden
wird.

In Liebe

Dein Mami