Simone Hosner

Hallo

Es ist schon eine Weile her, seit ich mit Euch Kontakt aufgenommen habe und auch ein Passwort erhalten habe, jetzt bin ich auch bereit, meine Geschichte aufzuschreiben:

Nachdem unser Sohn Lucas 1 1/2 Jahre alt war, entschlossen sich mein Mann und ich, ein zweites Kind zu bekommen, es lief eigentlich auch alles glatt, bis auf den Umstand, dass ich zu dieser Zeit eine schwere Darminfektion hatte, mir aber leider darüber keine Gedanken gemacht habe. Ich wurde also schwanger. Ich genoss die Schwangerschaft sehr, die Angst, wie man sie bei einer ersten Schwangerschaft hat, war diesmal überhaupt nicht vorhanden. Ich war sehr optimistisch und wir freuten uns wahnsinnig. Wir haben uns beide zu unserem Jungen noch ein Mädchen gewünscht und irgendwie, wusste ich von Anfang an, es würde ein Mädchen sein. Die Schwangerschaft verlief unproblematisch und ich war glücklich wie noch nie. Dann an einem Dezember-Nachmittag 1997, ich war in der 19 SSW (am Vormittag, wurde bei meinem Arzt noch der Tripple-Test gemacht, den ich als absolute Routineuntersuchung angeschaut habe), ging ich mit Lucas und einer Freundin und Ihrem Sohn spazieren, alles war schön, es hatte Schnee und ich war richtig glücklich. Plötzlich aber spürte ich etwas warmes zwischen meinen Beinen, fasste hin und es war alles voll Blut, die Freundin rief sofort meine Mutter an, die mich zum Arzt fuhr. Dieser machte einen Ultraschall und sagte, es ist alles in Ordnung, dass kann schon mal vorkommen in der Schwangerschaft. Bei dieser Ultraschall - Untersuchung hat er mir ein Bild ausgedruckt, dass das Gesicht von Andrea im Profil zeigte, wie auf einem Foto, ich hatte noch nie ein so klares Ultraschallbild (später ist mir das wie ein Zeichen vorgekommen). Der Arzt hat mich nach hause geschickt und ich musste liegen. Nachdem ich 4 Tage gelegen habe, kam am 19.12.97 der Anruf vom meinem Arzt, der Tripple-Test hat einen Verdacht auf offenen Rücken ergeben und ich solle zu einer Fruchtwasseruntersuchung, ich bekam auch gleich einen Termin, am 23.12.97. Meine Hoffnung war gross, so etwas passiert anderen aber doch nicht mir, dachte ich. Zuerst wurde eine Ultraschalluntersuchung durchgeführt, man versuchte den Rücken anzusehen, Andrea hat sich geweigert uns den zu zeigen, der Arzt musste mir richtig auf den Bauch drücken, damit er den Rücken ansehen konnte. Irgendwann hat Andrea kapituliert und ihn uns gezeigt. Das Gesicht des Arztes werde ich wohl nie vergessen, es sah sehr schlecht aus, ein riesen Stück im Rücken hat einfach gefehlt, er hat mich traurig angesehen und gesagt, er könne mir leider nicht viel Hoffnung machen. Danach kam die Fruchtwasser - Untersuchung, das Fruchtwasser war braun, zwei Aerzte waren bei der Untersuchung dabei und haben über meinem Kopf miteinander geredet von wegen sieht gar nicht gut aus usw., es waren die schlimmsten Minuten. Danach erklärte man mir, dass es dem Kind sehr schlecht gehen würde, wenn das Fruchtwasser braun sei und das es leiden würde. Die Gefahr bestand, dass das Kind in mir stirbt und die Gefahr für mich bestehen würde. Dann wurde ich nach hause entlassen, in die "Festtage", denn über die Festtage konnte man keine weiteren Untersuchungen mehr machen. Ich wusste es war vorbei. Ich wusste auch plötzlich 100 % das es eine kleine Tochter ist. Es waren die schlimmsten Tage meines Lebens. Ueber Silvester sind wir in die Skiferien gefahren, die Aerzte haben mir gesagt, ich solle ruhig skifahren, vielleicht kommt die Fehlgeburt dann von alleine. Dies habe ich auch gemacht, aber Andrea wollte bleiben. An Silvester gab es ein Feuerwerk, alle haben sich von 1997 verabschiedet, ich jedoch habe mich von meiner kleinen Tochter innerlich verabschiedet, ich weiss nicht wie ich diese Tage überstehen konnte. Am 5.1.98 musste ich dann ins Frauenspital zu einer Ultraschallspezialistin. Diese hat dann festgestellt, dass Andrea auch noch einen Wasserkopf hat und auch sonst noch Defekte, man sagte mir, es sei wichtig die Geburt einzuleiten, da Andrea keine Chance hätte. Schliesslich habe ich eingewilligt (bis heute quälen mich deshalb Schuldgefühle und ich habe manchmal das Gefühl meine Kleine umgebracht zu haben). Am 7.1.98 musste ich ins Spital zur Einleitung der Geburt. Ich bekam ein Zäpfchen um 10.00 Uhr. Den ganzen Tag über ist nichts passiert, ausser dass ich dachte, ich würde wahnsinnig werden. Mein Mann war die ganze Zeit bei mir. Kurz vor halb Acht, wollte er schnell nach hause, ich habe ihm gesagt er soll bleiben, weil ich so ein Ziehen verspürte, die Schwester meinte aber, nein, nein das geht noch eine ganze Weile, zuerst müsse Blut kommen. Er ging also. Er war kaum weg, kamen die Wehen, ich habe mich so einsam und verlassen gefühlt, jetzt würde sie also von mir gehen. Man rief meinen Mann an, er solle schnell wieder kommen und gab mir daraufhin Morphium, um den Kopf zu betäuben, die Wehen hatte ich trotzdem, die Wehen waren ziemlich stark und ich war froh, als endlich mein Mann wieder da war. Es dauerte dann aber noch eine Weile, weil sich mein Körper gesperrt hat. Es kam eine Aerztin und eine Hebamme auf mein Zimmer, den Gang in den Kreissaal hat man mir gottseidank erspart, ich durfte auf dem Zimmer gebären, ich spüre noch heute wie ihr kleiner Kopf aus mir raus kam, ich sagte der Hebamme, dass sie Andrea heisst und dass schätzte ich sehr, man nannte sie auch in meinem Beisein Andrea. Sie fragte mich, ob ich sie halten möchte und ich nahm sie in den Arm. Sie war so klein und zerbrechlich und ganz kalt, vermutlich ist sie schon vor der Einleitung gestorben (was mich manchmal ein wenig tröstet, dass ich sie nicht umgebracht habe) auch den Rücken habe ich mir angeschaut, weil ich wusste, ich würde es später bezweifeln, ob sie auch wirklich krank gewesen sei. Mein Mann hat sie auch gehalten und wir haben zusammen geweint. Wir haben Abschied von ihr genommen. Die Hebamme hat dann noch Fotos von ihr gemacht, die wir als Erinnerung behalten durften. Später musste man dann noch die Plazenta herausholen mit Vollnarkose, da diese nicht von selbst rauskam. Der Weg in den Alltag zurück, ist mir sehr schwer gefallen. Ich war eine Woche im spital, obwohl ich schon nach 2 Tagen nach hause hätte gehen dürfen, ich schaffte es einfach nicht. Selbst meinen kleinen zweijährigen Lucas konnte ich zu dieser Zeit kaum ertragen, zu gross war die Trauer um Andrea. Als ich zuhause war, konnte ich es fast nicht aushalten, kam mir vor wie ein Tiger im Käfig, konnte mich auf nichts konzentrieren. Leider hat man mir die Beerdigung verwehrt, die Opduktion war ihnen wichtiger, dabei ist auch herausgekommen, dass Andrea das Arnold-Chiari-Syndrom hatte und dies vermutlich mit Folsäuremangel zu erklären war (Darminfektion bei Zeugung). Ich konnte einfach nicht abschliessen. 1 1/2 Jahre später habe ich einen Brief an das Spital geschrieben, wo meine Andrea denn jetzt sei und nach langem Stürmen und Drängen, habe ich dann endlich erfahren, dass meine Tochter auf dem Friedhof im Grab dem Gemeinsamen begraben ist, dass hat mir ein bischen geholfen zu verarbeiten. Heute noch gehe ich dahin, wenn es mir schlecht geht. Andrea ist jetzt ein Engelskind auf Eurer Homepage und wird ewig in meiner Erinnerung bleiben, heute noch gibt es Momente, in denen ich sehr traurig werde. Mittlerweilen habe ich noch eine Tochter: Sara-Andrea, die im Januar 2 Jahre alt gewesen ist und mich sehr glücklich macht. Es hat mir gutgetan, einmal meine Geschichte aufzuschreiben

Simone