Simone

 

 

Hallo

Im Dezember 98 wurde ich mit ihr schwanger. Patrizio und ich freuten uns
so über sie. Er sagte mir immer wieder, dass es ein Mädchen wird.
Die ganze Schwangerschaft war einfach ein Traum. Wie im Bilderbuch,
keine Probleme. Bei den Untersuchungen war die Aerztin immer zufrieden
mit uns. Endlich hatten wir einen Namen für sie gefunden: Lara-Luana.
Am Freitag, 1.7.99, hatten wir eine Untersuchung bei der Aerztin. Da ich
eine andere Blutgruppe hatte als sie, bekam ich ein Anti-Rhesus-Spritze.
Bei der Untersuchung stellte sie fest, das der Muttermund zu weich sei
und ich ins Unispital zur Kontrolle müsse. Wir dachten uns nichts dabei.
Am Mittwoch, 7.7.99, um 11 Uhr hatten wir den Termin bekommen. Nervös
gingen Patrizio und ich hin. Ich hatte sie schon den ganzen Morgennoch
nicht gespürt, doch das war ich gewöhnt.Abend war sie dafür umso
beweglicher. Als wir um 11 Uhr 45 endlich drankammen, wurden wir zuerst
nach dem Grund unserem Erscheinen gefragt. Dann wurde der Ultraschall
vorgenommen. Doch ich sah ihr Herzlein nicht schlagen. Da wusste ich,
dass sie tot ist. Die erste Asistenzaerztin sagte uns, dass sie etwas
nicht finde und die Aerztin holen müsse. Die wiederrum erklärte uns,
dass sie den Verdacht hätte, dass ihr Herz nicht mehr schlagen würde,
doch zur Sicherheit müsse sie die Oberaerztin holen. Die konnte nur noch
den Verdacht bestätigen.Kaum hatte sie es ausgesprochen, bekam ich einen
Heulkrampf. Ich überlegte mir die ganze Zeit, was ich falsch gemacht
hatte, in der Schwangerschaft. Später alles nur noch in Trance.
Sofort wurde ich gefragt, ob ich dort gebären wolle. ICh antwortete mit
nein, da ich schon ein anderes Spital ausgewählt hatte.
Mit einem Blatt Papier gingen wir zur Hausaerztin, damit sie uns im
Spital anmelden konnte. Vorher machten wir einen Abstecher zu Patrizios
Bruder, der dann mit zur Aerztin kam.
Da ich die ganze Schwangerschaft über keinen Kontakt mir meiner Gotte
hatte, wollte ich es ihr doch nun sagen. So fuhren wir zu ihr ins
Geschäft. Unterwegs zu ihr, rief Patrizio meinen Chef an, um ihn davon
in Kenntnis zu setzen, dass ich eine Weile nicht arbeiten konnte. Hab
übrigens bis zum 6. Monat voll gearbeiten, als Briefträgerin.
Als wir dann bei ihr waren, bat ich die Rezeptionistin, das sie meine
Gotte runterhole. Als sie aus dem Lift kam, stürtze ich nur noch in ihre
Arme und fing an zu weinen. Mein Freund erklärte ihr, was passiert ist.
Sie hat uns so viel Mut gemacht.
Um 14 Uhr waren wir bei meiner Aerztin, doch die war in den Ferien. Ihre
Stellvertreterin kannte ich gottseidank. Sie war sehr lieb mit uns und
meldete mich im Spital an. Sie sagte Patrizio, dass ich auf keinen Fall
nach Hause dürfe, denn sonst hätte ich es nur noch schwerer.
In der Klinik wurde ich total lieb und vorsichtig behanldelt. Leider
musste ich einige Tests über mich ergehen lassen, dann wurden wir ins
Cafe entlassen. Da ich über die Schwangerschaft sehr wenig geraucht
hatte, holte ich jetzt alles nach. Meinem Freund erklärte ich nur, dass
es ihr ja nicht mehr schaden könne und ich keine Grund mehr hätte
aufzuhören!
Etwa zwei Stunden später wurde ich vom Arzt vaginal untersucht. Er hat
mir Gel an die Gebärmutter getan, damit sie langsam aufgehe. Er erklärte
mir nun den Verlauf. Nach 4 Stunden liegen dürfe ich auf meine Zimmer.
Morgen früh würden sie mich holen und für den Kreissaal fertig machen.
Ich käme an den Wehentropf.
Mein Freund konnte die ganze Zeit bei mir im Zimmer schlafen und auch
mit essen.
Am Donnerstag, 8.7.99, morgen um 8 Uhr holten sie mich dann wirklich ab.
Ich dachte immer noch, dass ich im falschen Film wäre, wurde jedoch
schnell in die Realität geholt. Essen durfte ich nichts.
Ich kam an den Wehentropf und dann begann die Warterei. Mein Freund
bekam das Morgen und Mittagessen, während ich nur zusehen und erbrechen
musste. Der ganze Morgen war der reinste Horror. Schlafen konnte ich
nicht, Fernsehn schauen langweilte mich nach einer Zeit und lesen wollte
ich nicht.
Um 12 Uhr liess die Hebamme die Fruchtblase platzen. Dann fingen die
Wehen an. Alle sagten mir, wenn ich eine PDA wolle ich nur rufen müsse.
Doch ich wollte es alleine schaffen. Doch nach 2 Stunden hatte ich
einfach keine Kraft mehr und die Hebamme liess den Mann für die PDA
holen. ICh musste mich auf die Seite drehen und ewig hielten sie mir das
Lachgas vor den Mund. Er wollte mir gerade in den Rücken stechen, als
ich die erste Presswehe bekam. Mit der Hebamme, dem PDA-Mann und meinem
Freund hatte ich schliesslich um 14.27  unsere süsse, kleine und
zerbrechliche Tochter geboren. Ich war so froh, als ich es endlich
hinter mir hatte und wollte nur ncoh schlafen. Sie wurde sofort am
Nachbarstisch untersucht. Mein Freund hat sie gesehen und kam mit
tänengefüllten Augen zurück zu mir. Dann versuchten sie, die Plazenta
rauszunehemen. Schliesslich musste ich in den OP gebracht werden.
Schweren Herzens musste ich meinen Freund alleine lassen. Es wurde ihm
gesagt, dass es nur 20 Minuten gehen würde. Doch als ich nach 30 immer
nnoh nicht fertig war, fing er an, sich Sorgen zu machen und fragte
nach, was los sei. Nach 45 Minuten war ich fertig und erwachte. Ich kam
mir vor, als ob ich eine Joint geraucht hätte. Ich war einfach high.
ICh wurde auf mein Zimmer gebracht. Gottseidank bekamen wir ein
Einzelzimmer auf einen anderen Etage. Doch das Babygeschrei einen Stock
tiefer hörte ich trotzdem. Am gleichen Abend fragte mich mein Feund, ob
ich ihm die Schuld dafür gäbe, und ob das für mich ein Grund zur
Trennung wäre. Ich war entsetzt, dass er mich das fragte, doch ich
antwortete auf beide Fragen mit Nein.
Ich bekam viele Telefonate. Doch nach dem 3. "Es tut mir so
leid"-Telefon, nahm dann mein Freund ab.Diesen Satz ertrage ich bis
heute nicht.
Ich wurde von den Schwestern sehr gut betreut. Am nächsten Tag hatte ich
zwei Ohnmachtsanfälle, die mich sehr verunsichert hatten. Doch die
Aerzte rieten mir zur absoluten Ruhe. Den ganzen Donnerstagnachmittag
drängte mich mein Freund, dass ich unser Baby sehen solle. Ich wollte
und konnte nicht. 8 Stunden später ging er runter und machte 24 Fotos
von Lara. Dann um 22 Uhr sagte ich meinem Freund, dass ich nun bereit
wäre sie zu sehe, jedoch müsse sie angezogen sein.
Eine Hebamme brachte sie im Wägeli rein. Doch als ich das Wägeli sah,
fing ich wieder an zu weinen. Sie wurde auf mein Bett gelegt. Ihr
Fingerchen waren so klein und eiskalt.
Heute bereue ich, dass ich sie nicht auf den Arm genommen habe. Doch
damals konnte ich es nicht. Ich bereue heute noch so vieles.
Ich blieb eine Woche im Spital. Jeden Tag kam ein anderer Arz, um mit
mir zu reden. Ein mal kam der Professor, um mit uns über die Beerdigung
und über die Todesurache zu reden. Patrizio und ich hatten klare
Vorstellungen, wie wir sie beerdigen wollten. Man fragte uns, ob wir
wissen wollten, was die Todesursache sei. Als wir bejahten, warnte uns
der Professor, da 90% der Tot- oder Fehlgeburten  nicht herausfindbar
sei. Doch wir hofften. 8 Wochen später hatten wir den Obduktionsbericht
in unseren Händen.
Der Alltag war schlimm. Trotz wieder aufnahme der Arbeit blieb mir viel
Zeit zum überlegen. Die Frage nach dem Warum wird mcih mein Leben lagn
begleiten.
Jedes mal, wenn ich ein Kinderwagen oder eine schwangere Frau sah, wurde
ich eifersüchtig und es gab mir Stiche ins Herz. Zum Teil hatte ich das
Gefühl, dass in jedem Kinderwagen meine Süsse lag. Doch leider täuschte
ich mich immer wieder.
Warum?? Warum ich und nicht diese oder jene Frau? Was habe ich falsch
gemacht? Haben wir es nicht verdient, glücklich zu sein? Wieso durften
wir keine kleine Familie sein? All diese Fragen, und keine Antwort dazu.
Ich brauche diese Antworten, damit ich endlich zur Ruhe kommen kann.
Obwohl ich erst gerade ein Baby verloren hatte, verbrachte ich die 4
Wochen Ferien jeden Tag mit kleinen Kindern. War eigentlich bescheuert,
doch mir hat es sehr geholfen. Auch wenn es sehr weh tat, musste ich es
doch tun. Heute bin ich froh, dass ich so gehandelt habe, Wer weiss, wie
es gekommen wäre, wenn ich mich anders verhalten ware.
Als ich wieder anfing zu arbeiten, war für jedermann die "Sache" vom
Tisch. Niemand sprach mehr mit mir über Lara. Hatten sie alle vergessen?
Wenn ich trotzdem mit jemand versucht hatte darüber zu sprechen,
blockten sie ab und wechselten das Thema.
Eigentlich beträgt der Mutterschutzurlaub bei meiner Firma 4 Monate. Ich
fragte meine Chef,ob mir trotz Totgeburt auch etwas zustehe. Er
antwortete mit Nein. Ich konnte das einfach nicht glauben und rief den
Sozialdienst der Post an. Ja, 2 Monate standen mir zu. Sie sagte das
meinem Chef.
Nach der Beerdigung am 14.7.99 ging ich dann ins Büro, um meinem Chef
mittzuteilen, dass ich jetzt 4 Wochen in die Ferien gehe und noch nicht
wisse, wann ich wieder arbeiten komme. Mich aber melde, sobald ich aus
den Ferien zurück käme.
Zwei Tage vor meiner Geburt hatte eine Arbeitskollegin ihren Sohn
geboren. Das erzählte mir mein Chef eiskalt. Der andere Chef schaute nur
verlegen auf dem Boden.
Auf der Abteilung hörte ich ausser "es-tut-mir-leid"-Sprüchen noch "du
bist noch jung", " kannst noch viele Kinder haben" und folgenden: " ist
villeicht besser das es tot ist". Dieser Satz haute mich vom Stuhl. Doch
die meisten schauten mich ganz verlegen an. Sie wussten nicht, ob sie
was sagen sollten oder besser nicht. Eine fragte mich nach dem Ablauf
der Geburt. Nach 2 Monaten fing ich wieder an. Doch die Sprüche hörten
nicht auf, so dass ich mit meinec Chefen ein Gespräch suchte. Ganz offen
erklärte ich ihnen mein Anliegen. Einer sagte mir sofort, dass ich in
eine andere Poststelle wecheln könne, wenn ich wolle. Nach einem Tag
überlegen sagte ich zu. Auch auf dieser Post wusste man Bescheid, doch
sie liessen mich in Ruhe. Ich hatte dort 2 Kollegen, die mich vor dem
gröbsten beschützten. Sobald jemand etwas über meine Süsse sagen wollte,
sprangen sie für mich ein und versuchten mich abzuschirmen. Dafür bin
ich ihnen heute noch sehr dankbar. Sie haben mir den Wiedereinstieg ins
Berufleben sehr erleichtert.

Inzwischen haben wir wieder eine Tochter, die gleich nach der Geburt
ihrer Schwester sehr glich. Dohc sie ist ein total anderes Wesen. Jedes
mal wenn ich mit ihr ans Grab gehe, hat sie ein Lachen auf dem Gesicht.
Auch wenn sie die Fotos in unserer Wohnung ansieht, lacht und winkt sie
dem Mädchen auf dem Foto zu.

Simone

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