Sonja

 

 

Alles fing im Juli 02 an. Mein Mann und ich waren in den Ferien in Süditalien und hatten beschlossen nicht mehr aufzupassen, denn wir wünschten uns ein 2. Kind.
 
Erstaunt, dass es noch während unseren Ferien eingeschlagen hat, rief ich nach unserer Rückkehr sofort meinen Frauenarzt an um einen Kontrolltermin zu vereinbaren. Als es dann endlich soweit war und ich auf dem Kontrollstuhl war, bemerkte ich sehr schnell das betrübte Gesicht meines Frauenarztes. Ich war in der 7. SSW und er konnte ausser einer Fruchtblase nichts sehen. Er liess mich ein paar Tage später nochmals vorbei kommen und auch dieser Untersuch zeigte nichts ausser einer leeren Fruchtblase.
 
Als dann eines Morgens plötzlich sämtliche Schwangerschaftssymptome  wie Übelkeit, Brustspannung und Geruchssensibilität wie weggeblasen waren, wusste ich, dass diese Schwangerschaft kein gutes Ende haben wird.
 
Am Montag bestätigte mir dies mein Arzt. In der 9. SSW am 20.9.02 fand dann die Auskratzung statt.
Was meinen psychischen Schmerz noch verstärkte, waren meine körperlichen Probleme. Ich hatte monatelang nach meiner Auskratzung noch Blutungen welche immer wieder auftraten. Zwischendurch so stark, dass ich dachte, ich werde mich nie wieder erholen. Endlich im Dez. 02 hörten dann die ganzen Beschwerden auf.
 
Mein Mann und ich hatten nach diesem Ereignis nicht speziell auf Verhütung geachtet, denn wir waren der Meinung, dass wenn mein Körper wieder soweit war, wieder eine Schwangerschaft zustande kam. Tatsächlich im März 03 bemerkte ich, dass es wieder soweit war. Unsere Freude war sehr gross!
 
Aufgrund meines letzten Erlebnisses liess mich mein Arzt in der 6. SSW zu einem Kontrolluntersuch kommen. Die Schwangerschaft war dieses mal intakt.
Als ich Ende April zum regulären Untersuch zum Arzt ging, folgte eine unerwartete Überraschung. Ich war in Erwartung von ZWILLINGEN. Unsere engsten Freunden, welche von meinem Abort wussten, waren der Meinung, dass die Natur mir das Kind zurückgegeben hat, welches mir im Sept. 02 genommen hatte.
 
Gross war unsere Freude auf diese Nachricht, welche jedoch von meinen heftigen Übelkeitsanfällen etwas überschattet wurde. Ich konnte nichts mehr behalten, sogar Wasser musste ich erbrechen. Um eine Austrocknung zu verhindern, wies mich mein Arzt ins Spital ein. Praktisch den ganzen Mai verbrachte ich dort.
 
Im Juni stabilisierte sich mein Körper und ich erholte mich wieder. Der letzte Kontrolluntersuch bevor mein Arzt in die Ferien ging, war anfangs Juli. Zum Glück war
alles in Ordnung.
 
An diesem Wochenende überkamen mich ziemlich starke Bauchschmerzen, etwas beunruhigt rief ich die Stellvertretung meines Arztes an und konnte sofort vorbeikommen. Mit den Zwillingen war alles in Ordnung!
 
Mein Bauch wurde von Tag zu Tag immer grösser und eines Morgens ist er so richtig explodiert. Da ich Zwillinge erwartete, machte ich mir diesbezüglich keine Gedanken. Als ich jedoch in die 20. SSW kam und noch immer keine Kindsbewegungen merkte, wurde es mir etwas unwohl. Mein Mann versuchte mich zu beruhigen. Als ich wieder anfing zu erbrechen rief ich meinen Frauenarzt an. Noch am gleichen Morgen liess er mich zum Untersuch kommen.
 
Über meinen Bauchumfang war er sichtlich erschrocken und aus dem Ultraschall sah man, dass sich sehr viel Fruchtwasser angesammelt hat. Notfallmässig liess er einen Blutuntersuch machen; Verdacht auf Schwangerschaftsvergiftung. Auch hatte ich bereits Wähentätigkeiten. Er liess mich einen Tag später nochmals kommen um in aller Ruhe einen Ultraschall machen zu können. Seinen Gesichtsausdruck werde ich wohl nie mehr vergessen! Er überwies mich sofort ins Kantonsspital in Zug. Etwas stimmte nicht, aber er konnte mir nicht sagen was. Auch im Kantonsspital ging dann das ganze Rätselraten weiter. Schliesslich wurde ich am gleichen Abend in die Frauenklinik nach Luzern verlegt. Auch dort sah man, dass was nicht stimmte aber niemand konnte mir genau sagen was los war. Aus den zahlreichen Ultraschallen waren auch keine erfreulichen Bilder ersichtlich, der einte Zwilling lag "zusammengerollt" immer an der gleichen Stelle und bewegte sich praktisch nicht, einzig das kleine Herzchen sah man pochen. Feststand, dass beide Kinder einen Entwicklungsrückstand von ca. 2 Wochen aufwiesen. Auch fand man die berühmte "Trennwand" durch welche die Zwillinge voneinander getrennt waren nicht mehr. Diese war jedoch auf den Ultraschallbilder der Frühschwangerschaft ersichtlich.
 
Die Tatsache, dass ich die Schwangerschaft nicht normal beenden konnte stand fest. Da ich "erst" anfangs der 22. SSW war und die Kinder zu diesem Zeitpunkt keine
Überlebenschance gehabt hätten. Einziger Hoffnungsschimmer: ich musste die 24. SSW erreichen, damit die Ärzte mit der Lungenreifung beginnen konnten und somit eine Frühgeburt auslösen konnten. Wie es jedoch um meine beiden Kinder aussah konnte mir niemand genau sagen. Waren sie normal, wies
der eine evtl. sogar beide eine Behinderung auf, welche Auswirkung hatte der Entwicklungsrückstand auf die Kinder. Praktisch 1 Woche verbrachte ich in der Frauenklinik. Jeden Tag wurde mir Blut für diese oder jene Untersuchung abgenommen. In meinem ganzen Leben habe ich nicht soviel geweint wie in dieser Woche, einzig die zahlreichen Gespräche mit den Hebammen und Krankenschwester halfen mir diese Zeit zu überstehen und mir Gedanken zu machen was wäre wenn es zu einer Frühgeburt kommt.
 
Schlussendlich sollte ich noch zu einer Ultraschalluntersuchung nach Basel gehen, dort sei auch noch ein Spitzenteam im Bereich Ultraschall evtl. hätte man dort eine Erklärung auf diesen Zustand. Am Mittwoch, den 6.8.03 hätte ich um 11.15 h dort einen Termin gehabt.
 
Zu diesem Termin ist es jedoch nie gekommen, denn bereits am Dienstagabend haben bei mir starke Wehen eingesetzt. Ein Untersuch der Hebamme ergab, dass sich mein Muttermund bereits um 2 cm geöffnet hatte. Sofort liess man meinen Mann kommen, da man dachte, die Geburt gehe nun los. Gegen 22 h beruhigte sich jedoch das ganze und der Muttermund war nicht weiter geöffnet als vorhin. Gegen Mitternacht ging mein Mann nach Hause und ich konnte etwas schlafen.
 
Morgens um 4 Uhr begannen die Wehen erneut beruhigten sich jedoch schnell wieder ich bekam ein Schmerzmittel, damit ich noch etwas zur Ruhe finden konnte.
Um 7 Uhr erwachte ich und hatte Hunger und wollte Duschen. Von den Wehen keine Spur mehr. Ich duschte und ass eine Kleinigkeit. Plötzlich gegen 8 h setzten wieder
sehr starke Wehen ein mein Muttermund war nun bereits um 6 cm offen. Es ging nun definitv los! Alleine der Gedanke, dass ich meine Kinder zur Welt bringen werde ohne jegliche Überlebenschance war unerträglich. Als dann mein Fruchtblase aufsprang war ich erschrocken über das viele Wasser 6-8 Liter mussten das sein, denn der Gebärsaal stand praktisch unter Wasser. Am Mittwoch 6.8.03 um 10.27h kam zuerst der eine Zwilling auf die Welt und wurde mir auf meinen Wunsch hin auf meine Brust gelegt. Leichte Zuckungen zeigten, dass es noch gelebt hat. Um 10.31h kam der zweite Zwilling auf die Welt, jedoch ohne jeglichen Puls mehr. Es war bereits gestorben.
 
Ich hielt nun meine beiden Kinder in den Armen und wollte Sie nie mehr hergeben. Die Hebamme und der Arzt verliessen unser Zimmer so konnte mein Mann und ich unsere beiden Kinder anschauen. Der Schmerz weshalb es gerade wieder uns treffen musste war sehr gross. Wir verstanden die Welt nicht mehr. Da waren Sie unsere beiden Kinder, sie hatten keine Chance erhalten.
 
1 Stunde später kam die Hebamme um die Kinder zu wiegen und zu messen und fragte uns ob sie uns eine Karte mit den Fussabdrücken machen sollte. Ein Ja kam von uns wie aus der Pistole geschossen. Ein Arzt teilte uns noch mit, dass es zwei Mädchen gewesen wären. Aufgrund meines vielen Fruchtwassers und die Lage der Kinder war bei keinem Ultraschall das Geschlecht ersichtlich. Vivienne und Ilaria waren unsere ausgesuchten Namen. Die nachträglich erfolgte Auskratzung fand unter Vollnarkose statt.
 
Als ich aufwachte, war ich bereits zurück im Zimmer und es überkam uns eine grosse Leere, als hätte uns jemand die Tür vor der Nase zugeschlagen und uns gleichzeitig den Boden unter den Füssen weggenommen.
 
Die Hebamme fragte uns, ob wir unsere Mädchen segnen lassen wollten. Um 15 h wurden mir meine beiden Mädchen nochmals gebracht und gegen 16 h kam noch der Seelsorger. Sichtlich betroffen, sprach er ein paar Worte und wir durften mit Weihwasser ein Kreuz auf unsere beiden Mädchen machen.
 
Eine Hebamme fragte uns noch ob wir einverstanden sind, wenn unsere Kinder nach Zürich zu einer Untersuchung gehen um evtl. eine Erklärung erhalten zu können.
Wir stimmten zu.
 
Am Samstag abend holte mich dann mein Mann nach Hause. Der Gang durchs Spital zum Auto war reinster Horror! Überall wimmelte es von fröhlichen Schwangeren und von Frauen, welche Ihr Kind bereits in den Händen hielten. Nur wir, wir mussten mit leeren Händen nach Hause gehen, einzig begleitet von Trauer, Angst, Wut und grosser Einsamkeit!
 
Rückblickend auf den Tag genau vor einem Monat am 6.7.03 hatte ich einen schrecklichen Traum --> dass sich meine Kinder von uns verabschiedet hatten. Mein Mann hatte mich an diesem Abend geweckt, weil ich weinend neben ihm schlief. Wusste mein Unterbewusstsein schon damals, was geschehen würde?
 
Es sind nun bereits 2 Wochen vergangen es geht uns etwas besser, obwohl es immer wieder zu Situationen kommt, aufgrund dessen meine Traurigkeit wieder zum Vorschein kommt.
 
Wir hoffen, dass sich aus der Untersuchung die eine oder andere Frage klären wird und dazubeitragen kann das Geschehene besser verstehen zu können.
 
Durch eine Hebamme der Frauenklinik habe ich von dieser Seite erfahren. Zuerst wollte ich nicht reinschauen, da es mich viel zu schmerzlich an das Ganze erinnerte.
Jetzt bin ich froh dies getan und auch meine Geschichte niedergeschrieben zu haben.
 
Ihr fehlt uns sehr...............!!
 
Unser Sohn Daniele ist am 8.8.03  4 Jahre alt geworden und ist unser Kerzenlicht in einem Moment voller Dunkelheit!!
 
 
Sonia