Sophia

 

Ein paar Gedanken zu Nicolas

geboren und gestorben am 10. Juli 2005

 

Es war unser Wunsch, heute Sonntag hier zusammenzukommen, weil es heute genau eine Woche her ist, dass unser kleiner Nicolas zur Welt gekommen ist und uns wieder verlassen hat. Wir haben bewusst auf ein organisiertes Begräbnis mit vielen Leuten verzichtet. Nicolas ist still und leise auf die Welt gekommen und hat sich auch so wieder verabschiedet. Deshalb sollen heute die Leute zusammen sein und an ihn denken, die seine ersten und am Anfang seine wichtigsten Bezugspersonen gewesen wären: Familie, Gotte, Götti. Der kleine Rahmen hier soll aber nicht heissen, dass Nicolas’ Erscheinen bei uns nur kleine Spuren hinterlassen hat. Im Gegenteil, vielleicht weil er nur so kurz da war, ist das Gefühl, dass wir diesen kleinen Menschen gerne kennengelernt hätten, aber dazu keine Chance hatten, noch viel stärker.

 

Eine Woche ist seither vergangen, und sie kommt uns irrsinnig lange vor. Ein Beleg dafür, wie intensiv man die Zeit erlebt wenn man sich mit Dingen auseinandersetzt, auseinandersetzen muss, an die man vorher am liebsten nicht gedacht und die man bewusst oder unbewusst zur Seite geschoben hat. Wer denkt angesichts des entstehenden Lebens, positiver Vorsorgeuntersuchungen und einer immer problemlosen Schwangerschaft schon an das Schlimmste? Der Umstand, am Tag X vor vollendete Tatsachen gestellt zu werden ist am Anfang ein richtiger Schock.

 

Wochen- und monatelang hat man sich vorgestellt, wie das dann sein würde, Pläne, Träume, die man sich ausgemalt hat, das alles ist nur die eine Seite. Zuerst einmal ist man einfach hilflos. Hilflos angesichts von 4 Spitalmitarbeitern, die vergeblich versuchen, ein Kind zu beleben, das nicht atmet, hilflos anstatt eines lebendigen, schreienden oder friedlich schlummernden Kindes ein totes Baby in den Händen zu halten, das auf die Welt gekommen ist, ohne je die Äuglein geöffnet zu haben und sie nie öffnen wird. Das man nie lebendig gesehen hat, obwohl es lebensfähig wäre. Wie soll man damit umgehen, dass man ein totes Kind im Arm hält und weiss, es lässt sich nichts daran ändern? Wie geht man damit um, dass der kleine Körper nicht babyrosa ist, sondern stellenweise blau? Wie geht man damit um, dass das Kind eiskalt ist, weil es gekühlt werden muss? Das alles klingt grausam, wenn man daran denkt und noch mehr, wenn man damit konfrontiert wird, aber Tatsache ist, je länger es dauert, je mehr man dieses Kindlein anschaut und halten kann, je länger man mit ihm redet und ihm erzählt, was einen plagt, je mehr man seine Schönheit bewundert und wie es friedlich da liegt, desto mehr schliesst man es in sein Herz und alles andere wird unwichtig.

 

Wir sind unsäglich dankbar dafür, dass Nicolas zu uns gekommen ist, auch wenn er nur drei Tage bei uns war bis er kremiert wurde. Abschied nehmen tut weh, aber es ist einfacher, wenn man sich an etwas klammern kann. Sein Anblick, wie er ruhig dalag, mit einem endlos friedlichen Ausdruck im Gesicht, wie wenn er schlafen würde, hat uns, je länger wir ihn bei uns hatten und ihn hielten, auch ruhig gemacht und mit einer kleinen Zuversicht erfüllt.

 

Am Dienstag haben wir definifiv von ihm Abschied genommen. Wir sind mit einem mulmigen Gefühl hingefahren. Man weiss, es ist das letzte Mal. Man möchte Nicolas soviel sagen, soviel mitgeben, ein Liedlein singen - und es ist die letzte Chance. Ein schrecklicher Gedanke, dass man weggehen könnte und man ihm noch etwas sagen wollte, es aber schlicht vergessen hat -  die Chance dafür kommt nie wieder.

Es war wunderschön. Wir hatten alle Zeit, die wir brauchten. Wir sind mit ihm dagesessen, haben ihn gehalten, geweint und mit ihm geredet. Wir haben ihm auf den Weg geben können, was uns auf dem Herzen lag. Und wir haben ihn so verabschieden können in seinem Särglein, wie wir ihn in Erinnerung behalten möchten: Wunderschön, wie er dalag, im gleichen Strampelanzug, in dem wir Fabrice damals vom Spital heimgenommen haben. Sein kleines Kuhlein, das Fabrice für ihn ausgesucht hat und zwei Engelein haben ihm begleitet. Wir sind mit einem guten, ruhigen Gefühl hinausgegangen, und er wird uns immer so in Erinnerung bleiben, wie wir ihn zurückgelassen haben. Dieser Abschied hat uns die Zuversicht gegeben: egal wo er jetzt ist, es geht ihm gut, unserem Nicolas.

 

Den Schmerz, den man am Anfang verspürt, kann man wahrscheinlich nur nachvollziehen, wenn man selber einmal einen geliebten Menschen verloren hat. Und trotzdem ist es seltsam. Wie können wir ihn vermissen, wo er eigentlich noch gar nicht richtig bei uns war? Vielleicht liegt ein Teil der Ursache dieses Schmerzes auch einfach darin, dass es völlig unfassbar ist, am Tag vor der Geburt auf eine Art und Weise zu sterben, die nur schwer nachvollziehbar ist.

Aber was hat man schon für eine Sicherheit, dass alles gut geht? Welche Untersuchung hätte das verhindern können? KEINE. Es bleibt nur zu akzeptieren, was passiert ist und sich immer und immer wieder ins Gedächtnis zu rufen, wie schnell und abrupt sich das Leben verändern kann.

 

Man mag das, was passiert ist, als grosse Ungerechtigkeit ansehen. Aber wir haben es nie so empfunden. Die Frage nach dem Wieso? Wieso ausgerechnet wir? haben wir uns nicht gestellt, sie bringt einen nicht weiter. Wir haben kein Recht auf ein gesundes Baby, man sollte es im Gegenteil als ein Geschenk anschauen, ein gesundes Baby zu haben. Wenn passiert, was uns passiert ist, so muss man dies akzeptieren und darf nicht mit dem Schicksal hadern. Wir finden Trost in dem Gedanken, dass nichts umsonst geschieht, und dass dieser Weg für Nicolas vorgezeichnet war, weil es sein Wille war. Wir sind stolz, dass er uns als seine Eltern ausgesucht hat. Das zeigt uns, dass er uns sehr sehr gern gehabt hat, sonst wäre er nicht zu uns gekommen. Und er hat seinen Eltern diese schwere Prüfung auferlegt, weil er wusste, dass wir stark genug sind, um damit umgehen zu können.

 

Vor einer Woche sind wir auf einen Weg eingeschritten, der nie zu Ende sein wird. Aber was wäre, wenn Nicolas gesund zur Welt gekommen wäre? Auch dann hätten wir einen neuen Weg eingeschlagen. So ist das Leben. Je mehr Zeit vergeht, desto kleiner wird der Schmerz werden, er wird umschlagen in Wehmut und schliesslich in ein Gefühl von Frieden und Freude beim Gedanken an den Zweitgeborenen.

 

Was hat uns am meisten geholfen in der momentanen Situation? In erster Linie vor allem eines: Reden. Alles, was einem im Kopf vorgeht und auf dem Herzen liegt, soll man dem anderen erzählen, und wenn es noch so trivial erscheint. Nur so kann man seine Seele erleichtern auch verstehen was im Anderen vorgeht und auf ihn eingehen, weil Tatsache ist auch, dass beide das Passierte unterschiedlich schnell verarbeiten und zu verschiedenen Zeiten Hochs und Tiefs haben.

Was noch? Man muss allen erzählen, was passiert ist. Es ist wichtig, dass man allen Leuten zeigt, dass man ein Kind bekommen hat und was mit ihm passiert ist. Er ist Teil unserer Familie und wird es immer bleiben. Und Nicolas hat ein Recht darauf, dass man ihn kennt, das sind wir ihm schuldig.

Der kleine Fabrice ist ein Sonnenschein. Er hat uns viel geholfen in dieser schwierigen Situation mit seiner Fröhlichkeit.

Und schliesslich die Anteilnahme, die wir erfahren haben und noch werden. Sie ist zwar auch schmerzhaft, weil man wieder erinnert wird an alles. Aber sie tut trotzdem gut, weil man merkt, dass sie ehrlich gemeint ist und dass die Leute an einen denken.

 

Wir möchten Nicolas in Erinnerung behalten, indem wir viel an ihn denken und ihm in unserer Familie den Platz einräumen, der ihm zusteht.