Susanne

Susanne 21. August 2000

Meine Geschichte hat sich vor über 10 Jahren zugetragen. Ich war damals 25 Jahre alt und unendlich glücklich schwanger zu sein. Am Anfang lief auch alles gut in der Schwangerschaft. Doch in der 32. Woche stellten die Ärzte fest, daß mein Kind nicht dementsprechend wuchs. Auch das CTG war zweifelhaft. Also wurde ich in eine Klinik eingewiesen und war tage- und nächtelang an das CTG angeschlossen. Für mich war es Horror pur.

Irgendwie habe ich gefühlt, daß ich mein Kind verlieren würde, auch wenn es keiner der Ärzte ausgesprochen hatte. Keiner wußte auch zu diesem Zeitpunkt, wie schwer krank mein Baby war. In der 37. Woche setzten die Wehen ein und nach kurzer Zeit war meine Nadine geboren. Ich durfte sie nicht in den Armen halten, weil sie gleich intubiert werden mußte, damit sie überhaupt eine Chance hatte. Es folgten 6 harte Wochen, die mich und meinen Mann für unser Leben geprägt haben. Wenn es ging, fuhr ich oder mein Mann zweimal am Tag in die Kinderklinik oder wir erkundigten uns per Telefon nach dem Zustand von Nadine. Manchmal war es besser, doch meistens gab es keine Veränderungen. Nachdem ihr Blut abgenommen wurde stellte man fest, daß sie das sogenannte Wolf-Hirschhorn-Syndrom hatte. Sie war geistig und körperlich schwer behindert. Hatte eine Gaumenspalte und Klumpfüße. Ab und zu durften wir sie auf den Arm nehmen, aber meistens war sie in ihrem

Wärmebettchen und schaute uns mit traurigen Augen an. Ich hatte immer das Gefühl, als ob sie darum bat endlich sterben zu dürfen. Wir wußten inzwischen, daß es keine Chance für sie gab. Es war einfach schrecklich darauf zu warten, daß sie sterben konnte. Bei jedem Anruf mußte man damit rechnen, daß es das Krankenhaus war. Gott sei Dank waren die Schwestern und Ärzte sehr verständnisvoll und einfühlsam. Nach 6 Wochen Kampf konnte meine kleine Nadine nicht mehr. Ihr Herz wollte nicht mehr und der Kreislauf brach zusammen. Es war schrecklich, denn wir erfuhren von der Polizei davon. Zu diesem Zeitpunkt renovierten wir gerade eine Wohnung und waren telefonisch nicht erreichbar. Das Krankenhaus hat uns über die Polizei ausfindig gemacht und

die informierten uns dann. Im Krankenhaus angekommen hatten wir nicht die Kraft, unsere Tochter nocheinmal anzuschauen. Heute bereue ich es, aber wir haben Fotos von ihr gemacht als sie noch am Leben war. Da wir uns so sehr ein Kind gewünscht haben, wollte ich sofort wieder schwanger werden, was dann auch geklappt hat. Ein Jahr später, genau am Todestag von Nadine, kam unsere Tochter Natalie auf die Welt. Sie war nie ein Ersatz für Nadine und wir waren total glücklich, daß sie gesund war. Auch unsere beiden Söhne Markus und Tim sind Gott sei Dank gesund und munter. Ich habe lange nicht darüber sprechen können, doch irgendwann geht es auch. Aber als ich diese Mail geschrieben habe, mußte ich die ganze Zeit weinen. Es tat aber richtig gut, einmal wieder davon zu reden. So ganz von Anfang an. Nadine wird immer in unserem Leben gegenwärtig sein. Wenn auch nicht so intensiv wie unsere anderen Kinder. Aber ich denke, daß sie ihren Teil, ihre Aufgabe auf dieser Welt erfüllt hat. Wenn ich heute auch noch nicht ganz verstehe, was diese Aufgabe war. Ich weiß nur eines: wenn sie nicht gewesen wäre, dann hätte ich meine jetzigen Kinder nicht so in dieser Form. Viele Grüße von Susanne