Yvonne

 

ich bin 36 jahre alt, architektin, komme ursprünglich aus hamburg, seit
september 2004 in der schweiz bei meinem traummann und seit september
2005mit eben diesem verheiratet.
wir wussten von anfang an, dass wir kinder haben möchten aber da ich hier ja
einen neuen job angefangen habe war es für uns klar, dass ich erstmal mein
erstes projekt über die bühne bringen würde. im april 2006 liess ich mir
dann die spirale ziehen (mein projekt sollte im september enden ) und wir
machten uns ans üben....pünktlich zu unserem hochzeitstag dann der treffer,
wir waren überglücklich....anfang 7. ssw erstes mal zum arzt...herzchen
schlug...alles am richtigen ort.....in der 9 ssw konnte ich schon meinen
bauch nicht mehr verbergen, meine schwägerin hatte gerade zwillinge bekommen
und wir waren der meinung bei mir müssten auch 2 sein.....anfang 12. ssw
hatte ich den termin zur nackenfaltenmessung.....arzt schaut in ultraschall,
schaut mich an: haben wir bereits darüber gesprochen dass es 2 sind?....ich
nur: das hab ich mir schon gedacht....nackenfaltenmessung bei beisen
unauffällig aber er schaut immer genauer, immer intensiver und meint es gibt
keine trennung zwischen den beiden, sie teilen sich eine fruchthöhle....mein
mann ist bei mir und noch fröhlich, ich sehe am ausdruck meines docs es ist
nicht gut....er ruft einen älteren kollegen an da er selbst damit keine
erfahrung hat...in den 12 jahren, die er praktiziert, hat er das erst einmal
erlebt....am nächsten tag zum anderen arzt, super moderne praxis und super
modernes ultraschallgerät... wir sehen unsere beiden....sie sind am toben,
der eine tritt den anderen, der andere schlägt zurück.....dann macht der
arzt die nabelschnüre sichtbar...sie sind bereits sehr stark
umwickelt....danach langes gespräch mit dem arzt, er erzählt ganz sachlich,
zeigt uns die chancen und die nichtchancen auf....das hammer-urteil: die
chance das einer von beiden überlebt liegt bei 30% und das sagt noch nicht
aus wie der eine überlebt, die möglichkeit das der überlebende geschädigt
sein wird ist hoch mein mann begreift erst da was los ist...ich hatte schon
abends gegoogelt und statistiken gesehen...unsere beiden sind eine stufe vor
siamesischen zwillingen.....wir reden über eine stunde mit dem
arzt....irgendwann von ihm die frage ob ein abbruch für uns in frage kommen
könnte......ich bin am ende, nur noch am heulen aber ich denke drüber
nach....wir machen einen zweiten termin bei ihm für den nächsten nachmittag
aus....er will noch mehr informationen ranholen... wir wollen
nachdenken.....wir reden den ganzen abend...telefonieren mit unseren eltern
und geschwistern, wir sagen ihnen, dass es eventuell zu einem abbruch
kommt....alle sind traurig aber stehen hinter uns.....termin am nächsten
tag: erst wieder ultraschall....die nabelschnüre sind noch mehr verwickelt,
den beiden bleibt jeweils nur ein kleines freies stück, sie bewegen sich
kaum.....wir hören uns noch mehr fakten an, das einzig positive: es liegt
weder am alter noch an den genen, es ist eine pure laune der natur und super
selten.......wir haben uns entschieden, wir würden gerne der natur den
freien lauf lassen aber wir werden es nicht tun, denn das werden die ärzte
am ende auch nicht tun, wenn es bereits jetzt so schlimm aussieht, wie dann
in einer woche? überleben sie überhaupt solange? wann wird was passieren?
man kann nicht 24 stunden pro tag überwachen und man kann auch nichts tun
wenn was passiert.....der arzt ruft meinen doc an....noch um 9h abends
bekomme ich von meinem doc einen anruf wann ich zu ihm kommen soll um ein
mittel abzuholen wann ich im krankenhaus sein soll und welche hebamme sich
um mich kümmert....es soll eine eingeleitet geburt werden denn ich bin
bereits in der 13. ssw....ich finde das gut...ich möchte nicht in narkose
gebracht werden und leer wieder aufwachen, ich möchte es selbst zuende
bringen und mich verabschieden....um 2h nachts die tablette weinend
eingeführt, um 8h im krankenhaus....die hebamme ist eine der herzlichsten
frauen die ich bisher kennen gelernt habe.....sie sagt, sie ist nur für mich
da und will alles tun um mich zu begleiten und es mir so angenehm wie
möglich zu machen....mein mann ist die ganze zeit über bei mir und auch
meine mutter die am vorabend extra angeflogen kam....alle paar stunden kommt
mein arzt, immer wieder medikamente, es geht nicht vorwärts.... abends der
gedanke meiner hebamme es könnte auch sein, dass die beiden schon tot sind
und durch die verwicklung so ungünstig liegen dass es nicht funktioniert,
mein arzt macht mir das angebot einer ausschabung, nein ich will noch nicht,
ich möchte es so schaffen....die hebamme redet viel mit mir, irgendwann ist
der zeitpunkt wo es bei mir kippt, ich kann nicht mehr, ich habs versucht,
es tut mir leid aber es wird so nichts, sie schickt mutter und mann raus und
lässt mich auch allein, damit ich mich so richtig ausheulen kann.... später
dann die narkose......

es war die schwerste entscheidung, die wir bisher treffen mussten...

ich habe schon mit vielen menschen darüber gesprochen und je mehr ich es tat
desto besser ging es mir.....natürlich war ich eine lange zeit sehr schlecht
drauf...ich war wütend...ich war traurig....ich fand es unfair....aber mit
der zeit wird es besser.....auch heute gibt es noch momente in denen ich
ganz plötzlich traurig werde, sie sind seltener geworden aber ganz aufhören
werden sie nie, das gehört nun zu mir so wie die beiden immer zu mir gehören
werden....