Leona

Leona 6.1.01

Mein Erlebnis betrift mich nicht persönlich aber irgend wie doch. Ein kleines Menschlein ist in meinen Armen für immer eingeschlafen und obgleich es nicht mein Kind war, habe es heute nach 10 Jahren noch immer nicht verdaut. Deshalb habe ich mich entschlossen, das hier mal nieder zu schreiben.Den genauen Tag darf ich nicht nennen und ich nenne auch nur die Vornamen der Kinder, denn es geschah auf einer Frühgeborenen - Station. Es war, wie gesagt, vor 10 Jahren. Ich war gerade mal 15 Jahre alt und absolvierte mein 3 wöchiges Schulpraktikum der 9. Klasse für 14 Tage auf der Frühgeborenen-Station einer Uniklinik. Dort lagen sehr viele, noch ganz winzige Babys aber auch kräftige, aber kranke Neugeborene. Zwei dieser Frühchen waren mir besonders ans Herz gewachsen, denn mein Praktikum umfaßte die Pflege und Versorgung der Kinder. Es waren eineiige Zwillinge - Patrick und Oliver. Die beiden waren nach nur 28 Wochen Schwangerschaft geboren worden. Patrick war der kleinere und wog gerade 780g, während Oliver mit 910g geboren wurde. Beide waren ca. 30 cm groß. Patrick ließ alles geduldig über sich ergehen, was nötig war um ihm zu helfen. Oliver wehrte sich entschieden dagegen. Oft durfte ich die Kinder, wenn die Eltern nicht da waren, für kurze Zeit aus dem Brutkasten nehmen - ihre Nahrung bekamen sie durch die Sonde, aber immer auf dem Arm einer Pflegeperson. Ich habe den beiden sehr viel Aufmerksamkeit geschenkt, denn außer ihnen wurde ich mit einem kleinen Mädchen betraut, das gesund geboren wurde, von ihrer Mutter aber nicht gewollt war. Sicher hat die Kleine auch sehr viel Zuwendung von mir bekommen, aber sie war ein ruhiges und liebes Kind und wenn sie schlief war ich nur für die Zwillinge da. Sie machten kleine, bescheidene, aber sehr wichtige Fortschritte. Viele der Schwestern waren der festen Überzeugung, das Patrick, der ruhigere von beiden, seinen Kampf aufgegeben hatte. Ich edoch vertraute beiden, dass sie es schaffen - machte ihnen immer wieder Mut.Eines Morgens kam ich wieder um 5:30 zur Arbeit. Patrick war aufgeregt, wirklte unruhig. Ich sprach mit ihm eine Weile und streichelte ihn. Oliver dagegen war ruhiger als sonst, seine Haut wirkte farblos fast grau. Er war völlig Teilnahmslos. Die Schwester, welche mit im zimmer war, schaut mich traurig an. Ich wußte sofort, dass es Oliver gar nicht gut geht und nahm ihn nach Rücksprache mit ihr aus seinem Bettchen. Er war schlaff, er war wirklich nur eine Hand voll Mensch, lag auf meinem Bauch und reagierte auf überhaupt nicht. Ich versuchte ihm zuzureden, ihm Mut zu machen, sprach von seinen Eltern, die auch bald kommen würden....es war die längste Zeit meines Lebens. kurze Zeit ging es ihm scheinbar besser. Ich mußte mich um seinen Bruder und die kleine Vanessa - das baby ohne Mama - kümmern, legte ihn sorgfältig in sein Bett. Er schlief. Ruhig und bewegungslos lag er da. Aber er schlief nur. Ich schenkte also erstmal meine Aufmerksamkeit den anderen beiden Kindern, die ich versorgen wollte und mußte. Der Überwachunsmonotor von oliver riss mich aus meinen Gedanken, Patrick schrie fürchterlich, Oliver lag da und regt sich nicht. Ärzte und Schwestern bemühten sich um den kleinen Kämpfer. Aber Oliver gab auf. Die Schwester, welche ja immer bei mir im Zimmer war, sprach mit dem Arzt. Darauf nahm sie mir Vanessa aus dem Arm, der Arzt legte Oliver auf meine Brust. Er sagte ruhig zu mir:" Frau Jeschke, die Eltern kommen gleich, wir haben sie angerufen, aber bis sie da sind, begleiten Sie oliver auf seinem letzten Weg." Ich hatte tränen in den Augen, nahm Oliver ganz fest in den Arm. Patrick schrie noch immer , eine andere schwester versuchte ihn erfolglos zu trösten. (ich habe hier ein wenig im Zeitraffer geschrieben, schon in der Nacht wurde Oliver 2 mal wiederbelebt, in meinem Beisein auch noch 3 mal. Nachdem es beim 3. Mal wieder nicht richtig in Ordnung kommen wollte, kamen die Ärzte und Schwestern überein, Oliver gehen zu lassen, denn es war sicher, dass er einen irreperablen Schaden behalten würde. Und für diese Möglichkeit hatten auch die Eltern, die nach dem 4. Ra-Animationsversuch angerufen wurden, gesagt, dass sie es ein letztes Mal versuchen sollten. Wenn es nicht gelingt, soll Oliver gehen dürfen - das galt auch für Patrick, falls es so sein sollte. Die Eltern wohnten außerhalb der Stadt und brauchten ca. 1 Stunde bis ins KH. Es war morgens um 8 und normal kamen sie immer von 10 bis 12 und von 15 bis 20 uhr zu Besuch) Oliver schlief auf meiner Brust für immer ein. Er hat den Kampf aufgegeben. Ich bin mir sicher, dass er wußte, dass er gehen muß und sich deshalb gegen alle Hilfe wehrte. Wir alle auf der Station hätten nie gedacht, dass es der größere, kräftiger von beiden nicht schaffen würde - zumal ab der 28. Woche die Chancen auf ein gesundes Leben schon sehr hoch sind. Ich weinte vor mich hin, behilt Oliver im Arm bis seine Eltern da waren. Ich übergab der Mutter das Kind in aller Stille. Nachdem sie erfahren hatten, dass der Kleine auf meiner Brust einschlafen durfte, war die Rührung so groß, dass der Vater und die Mutter mich in den Arm nahmen und sich weinend herzlich bedankten, weil Oliver nicht in seinem Bettchen sterben mußte. Ich war so traurig, ich wußte nicht, was ich den Eltern sagen sollte, außer ihnen viel Kraft und alles Gute für Patrick zu wünschen. Der kleine Patrick, der so gar nicht den Anschein hatte, dass er kämpft, war schlagartig ruhig, als Oliver in meinem Arm einschlief. Als ob er gespürt hatte, was los ist. Ab diesem Erlebnis schreckte ich bei jedem Alarm auf der Station hoch, Patrick hatte noch mehr aufmerksamkeit, Vanessa auch. Zwei Tage später kam ein anderes Baby in meine Obhut während meiner Arbeitszeit. Ein Neugeborenes mit einem Wasserkopf. Aber das ist ein anderes Thema. weiteren 6 Tagen war mein Praktikum zu Ende. Ich verließ die Station mit dem Gewissen, das Patrick leben wird und gesund ist. Er hatte in der verbleibenden Woche, in der ich ihn noch pflegen durfte, 500g an Gewicht zugenommen und wurde zusehens kräftiger. Die Eltern der Zwillinge übergaben mir zum Abschied einen riesigen Geschenkkorb und bedankten sich nochmals bei mir. Auch hätte ich Patrick besuchen dürfen, was ich anfangs noch tat. An seinem Geburtstag wurde er mit einem Gewicht von 2800g gesund entlassen. Ich verabschiedete mich von den Eltern und versprach, an Patrick und vor allem auch an Oliver zu denken. Besuchen möchte ich ihn noch nicht, vielleicht später einmal, aber noch bin ich nach all dem nicht in der Lage. Die Eltern hatten Verständis.Ich habe Patrick nach 2 Jahren und dann nochmal als er  4 Jahre alt war, besucht. Er hatte zu diesem Zeitpunkt ein gesund geborenes Geschwister bekommen und ich wußte, es wird alles gut. Ich habe von seinen Eltern ein Versprechen mit auf den Weg bekommen - wenn Patrick alt genug ist, wird er von seinem Bruder erfahren. Er wird auch erfahren wer ihn im Krankenhaus gepflegt hat und wo sein Bruder gestorben ist. Das ist ein schönes Gefühl, zu wissen, dass ich das richtige tun durfte und getan habe und mir die Eltern sehr dankbar sind. Leona